Maltzans Mekkareise

 

Mekka-Maltzan

Kurze Schilderung von “Meine Wallfahrt nach Mekka” des Heinrich von Maltzan

Zu seinen Personalien:

http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_von_Maltzan

“Heinrich (Karl Eckard Helmuth) von Maltzan, Reichsfreiherr zu Wartenberg und Penzlin (auch: Heinrich Eckhard Carl Helmuth v. M.; * 6. September 1826 in Dresden; † 22. Februar 1874 in Pisa durch Suizid nach schwerer Krankheit) aus dem alten ursprünglich mecklenburgischen Adelsgeschlecht der Maltzahn war ein deutscher Schriftsteller und Orientalist. …

1860 unternahm er als Muslim getarnt eine Pilgerfahrt nach Mekka. Als Tarnung diente ein Pass, den sich Maltzan durch Bestechung eines algerischen Arabers besorgt hatte. Dieses Vorgehen war notwendig, weil der Besuch der heiligen Stadt des Islam für Nichtmuslime bei Todesstrafe verboten war und ist. Nach dem Tod des offiziellen Passbesitzers veröffentlichte Maltzan 1865 einen Bericht über diese Reise.”

Als Grundlage dient mir die Volksausgabe von Fritz Gansberg, 1910:

http://gutenberg.spiegel.de/buch/meine-wallfahrt-nach-mekka-6328/1

Die Originalausgabe von 1865 kostet bei ZVAB ca. 1500,- Euro und mehr und ist nachzulesen in:

https://archive.org/details/meinewallfahrtn01maltgoog

Gansberg bringt im Vorwort einige wenig erbauliche Ausführungen über Götzendienst, die zu der intelligenten Darstellung des Maltzan sehr kontrastieren.

Meiner Meinung nach muß Maltzan beschnitten gewesen sein.  Denn da er sich nur unter Männern aufhielt und sich auch in enger Zusammenhang mit ihnen auf einem überfüllten Schiff  berfand, läßt sich ein Unbeschnittener beim Wasserlassen schwerlich verbergen.

Kapitel 1. In Ägypten

Maltzan begegnet 1853  in einem Hotel Kairos einem Araber, der sich als Engländer herausstellt, Leutnant Burton, und der gerade von Mekka, der heiligen Stadt der Mohammedaner, zurückgekommen war, deren Besuch jedem Christen bei Todesstrafe verboten ist.

http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Francis_Burton

„Burton reiste im April 1853 als muslimischer Pilger verkleidet nach Mekka, was für Nicht-Muslime damals wie heute verboten war.“

Maltzan entschließt sich auch nach Mekka zu fahren und zu diesem Zweck Arabisch zu lernen.

Im Frühjahr 1860 ist es soweit.  Er hat durch mehrjährigen Aufenthalt in Nordafrika den maghrebischen Dialekt gelernt und wird als Maghrebi die Pilgerfahrt unternehmen.  Dazu brauchte er ein maghrebisches Gewand und einen maghrebischen Paß.  Er überredet in Algier einen durch Haschisch Drogenabhängigen namens Abd-er-Rahmann sich eine Polizeikarte für eine Pilgerreise nach Mekka zu holen und fährt mit ihm dann nach Tunis, wo er nach Herzenslust Haschisch rauchen kann, während er mit dem Paß des Abd-er-Rahmann als Pilger verkleidet weiter reist und am 16. April 1860 mit dem Dampfschiff in Alexandrien anlangt.  Mit der Eisenbahn fährt er am 26. Ramadan (18. April) weiter nach Kairo mit Ägyptern und Türken, vermeidet aber die Maghrebi, die ihn seiner Sprache wegen enttarnen könnten.  Er meidet die Maghrebi mit ihren weißen Mänteln.

Auf der Eisenbahn schließt er Freundschaft mit einem alten Greis namens Schich Mustapha aus Kairo, eines Koran-Gelehrten, der mit seinen drei Neffen auch die Pilgerreise nach Mekka machen will.  Auf dem Sklavenmarkt in Kairo kaufte er für 200 Franken einen 18jährigen Negersklaven namens Ali (“sehr dicke Lippen, platte Nase und sehr weiße Zähne”).  Am Ende des Ramadan ging er mit Ali an den Nil und fuhr mit seinen neuen Bekannten und ca. 50 weiteren Pilgern den Nil aufwärts.  Die beiden Türken dort werden von ihm als primitiv bezeichnet (“taten die unanständigsten Dinge in Gesellschaft”);  die beiden Mekkaner dort waren von sehr feinen Manieren und grenzenlos stolz darauf aus der Stadt zu stammen, um die sich die ganze muslimische Welt dreht.  Da der ungünstige Südwind (Schirokko in Algerien, Samum in der Wüste) fast immer im Frühjahr weht, mußte gerudert werden und benötigte die Nilfahrt drei Wochen.

Am 18. Schual 1276 der Hedschra (10. Mai 1860) erreichte das Schiff Kene (Qina),

http://de.wikipedia.org/wiki/Qina_%28Stadt%29

“Qina (DMG Qinā) ist eine Stadt in Oberägypten und die Hauptstadt des Gouvernements Qina.

Sie liegt am Ostufer des Nil. Qina war bekannt als Kaine wنhrend der griechisch-römischen Zeit.”

http://www.wissen.de/lexikon/qina

“Qina, Kene, das antike Kainopolis

oberägyptische Stadt, am Nil nördlich von Luxor, 252 000 Einwohner; Nilschlamm-Töpferei.”

von wo aus die Karawane ca. 180 km nach Kosseir (al-Qusair) am Roten Meer fahren sollte.

http://de.wikipedia.org/wiki/Al-Qusair

Maltzan miete zwei Kamele für sich und Ali.  Wasserbehälter hatte er schon mitgebracht.  Die Karawane bestand aus ca. 200 Personen, davon ¾ Fußänger, so dass jeden Tag nur ca. 25 km zurückgelegt wurde, insgesamt 7 Tage.  Die Araberinnen waren total verschleiert, so dass man noch nicht einmal ihre Augenbrauen erblicken konnte.  “Die Sitte forderte auch, dass sie mit den Männern auf dem ganzen Weg auch nicht ein Wort wechselten;  denn kein Araber spricht vor Männern mit seinen weiblichen Anverwandten.“  Maltzan gab den Mitreisenden auch von seinen Wasserbehältern ab.  “Die Moslems sind freilich nicht sehr dankbar;  denn sie pflegen alle guten Werke der Menschen als Wohltaten Gottes anzusehen.   Gott lenkt die Menschen so, dass sie wohltätig sein müssen, ob sie wollen oder nicht.”

Von den zwölf Schiffen, die im Hafen von Kosseir lagen, wählte Maltzan das solideste, die “Um ess Ssalam” (Mutter des Friedens), die von einem alten kleinen Männchen gelenkt wurde.  Der Kapitän hatte die Krätze.  Maltzan mußte 1000 Piaster zahlen (ca. 200 Goldmark) und für Ali 500 Piaster.

Kapitel 2.  Auf dem Roten Meer und an der arabischen Küste

Am letzten Tag des Schual (21. Mai) stach die überladene “Mutter des Friedens” in See.  Der Kapitän hatte versprochen nur 50 Pasagiere mitzunehmen, tatsächlich aber waren es deren 90.  Die Frauen wurden durch ein zeltartiges Tuch versteckt, “damit kein frommer Pilger die Sünde begehen konnte, fremden Frauen ins Gesicht zu schauen.”  Alle Passagiere waren in erhöhter Anspannung, da normalerweise die arabischen Schiffer nur an der Küste entlang fahren, sich jetzt aber auf das offene Meer wagen mußten.  Nach vier Tagen wurde die arabische Küste erreicht und Schich Mustapha hielt Maltzan eine große Rede über das Land, wo der Prophet Allahs gewirkt hatte, wo sich Sidna Adam und Sittna Hauwa (Eva), nachdem sie aus dem Paradies vertrieben worden waren nach 120 Jahren auf dem Berge der Erkenntnis (Arafa) wiedergefunden hatten, wo Sidna Brahim (Abraham) und Sidna Smail (Ismael) dem Herrn den Tempel der Kaaba erbauten.  “Dieses glückliche Land siehst du vor dir.  Danke Gott dafür und lobe ihn, bete und gib Almosen und faste, o Maghrebi!”

Am fünften Tag hing  die “Mutter des Friedens” an einer Korallenbank fest, deren es an der arabischen Küste zahlreiche gibt.  Das Schiff wurde zwar auf Vorschlag zweier Türken von ca. 20 Männern wieder flottgemacht, aber die Helfer hatten sich an den Korallen die Füße schwer verkratzt.  Das Schiff lieferte nun Ladung in arabischen Orten aus.

In einem arabischen Kaffeehaus beobachtete Maltzan  ”mit Erstaunen und zu seinem höchsten Ekel”, wie ein Schlangengaukler eine lebende Schlange am Schwanz beginnend  verzehrte.  Deren Giftzahl war entfernt.  Da die Schlange aber an der Hand nicht festgehalten wurde, krümmte sich das Tier vor Schmerzen, wand sich am Körper des Gauklers und biß ihn, so dass das Blut des Gauklers in Strömen auf den Boden floß.

Am Abend des 10. Du el Kada legte das Schiff bei El Imbu an, der Hafenstadt von Medina.  Die Pilgergesellschaft entschied erst nach der Mekkarpilgerschaft das dortige Grab Mohammeds zu besuchen.

Um den Ehrentitel eines Hadsch (Pilger) zu erwerben ist folgendes erforderlich:

Die fromme Absicht und die Gebete, welche diese Absicht begleiten.

Die Anwesenheit auf dem Berge Arafa am neunten Tag des Monats Du el Hödscha.

Das Anlegen des Pilgerkleids, d. h. des Ihrams, und das Abrasieren des Haupthaars.

Die sieben Umgänge um die Kaaba.

Der Gang zwischen den beiden Hügeln Ssafa und Marua.

Der Pilger kann sich von vier dieser Bedingungen freikaufen durch das jeweilige Opfern eines Schafes, nur nicht von der Anwesenheit auf dem Berge Arafa am neunten Tag des Monats Du el Hödscha.

In El Imbu erwarb Maltzan einen tragbaren Herd zum Kochen, weil das Pilgergewand  sehr dünn ist und es auf dem Schiff leicht zu Erkältungen kommt, trotz der unglaublichen Hitze.  Im Kaffehaus in El Imbu saßen auch muslimische Ketzer, heute Schiiten genannt:  Perser mit großen zuckerhutförmigen Hüten von Schaffell mit stattlichen, pechrabenschwarzen Bärten.  Er selbst ließ sich von dem Kawadschi Kischer zubereiten, d. h. Aufkochen von Kaffeeschalen.

Er berichtet dann von den täglichen 5 Gebeten:  zu Sonnenaufgang, Mittag, Nachmittag, Sonnenuntergang und Abend.  Dabei ist jedesmal ein vollständiger Rikat herzusagen, der wiederum aus 12 oder 13 Teilen besteht.

Anbei die ausführlichen Teile eines Rikat:

Maltzan_Rikat

Die Lieblingssure von Maltzan ist die des Erdbebens, die sich mit dem Jüngsten Gericht befaßt.

(Möglicherweise ist dies die Sure Zilzal:

https://www.youtube.com/watch?v=3ZJ_AfXz4Jk

Der Imam erklärt vorliegend, dass das Erbeben am 17.08.1999 in Istanbul (Marmara-Meer) stattfand, weil israelische Offiziere  zuvor einer türkischen Bauchtänzerin Koranverse in den Busen gesteckt hätten, wenn nicht nur.  Insgesamt ist die Predigt und der Gedankengang des Deutsch sprechenden Orientalen für uns befremdend.)

Diese Sure ist angeblich für die Mohammedaner wichtiger als für die Christen das Vaterunser.  Die muslimischen Kinder beginnen im Koran mit den letzten Suren zuerst, weil diese am kürzesten sind.  Da man von rechts nach links liest, beginnen sie also für uns aus betrachtet mit dem Buch hinten.

Das beste in Medina war für  Maltzan das gute Trinkwasser, welches billig in Schläuchen von einer Stunde entfernt herbeigebracht wird.

Die “Mutter des Friedens” fuhr nun weiter südlich.  Am 16. Du el Kada sollten die Pilger das heilige Pilgergewand in Rabörh anlegen.  Vielleicht heißt  das heute “Raabigh”, wo sich heute die Pilger aus dem Westen sammeln, z. B. Ägypten:

http://hadsch.dwih.info/die-miqats

Zum  “Ihram-Zustand annehmen”:

http://hadsch.dwih.info/den-ihram-zustand-annehmen

“Für jedermann, bevor er die Hadsch oder die Umrah vollzieht, ist es wünschenswert für den Ihram, eine Ganzkörperwaschung vorzunehmen – sogar wenn eine Frau ihre Menstruation hat, oder sich im Wochenbett befindet.

Der Mann kann die Kleidung tragen, welche er bevorzugt, solange sie nicht eng am Körper liegt – und diese Kleidung wird von den Rechtsgelehrten „ghair al mukheet (aufgetrennt)“ genannt. Das heißt, er trägt ein Übergewand und ein Untergewand oder ähnliches, zusätzlich Sandalen oder andere Schuhe, die nicht den Knöchel bedecken.

Er trägt keinen Hut oder Turban oder ähnliches, was man auf dem Kopf aufsetzt und ihn dabei bedeckt. Dies bezieht sich aber nur auf Männer. Was Frauen betrifft – so tragen sie die Kleidung, die ihnen im islamischen Grundgesetz vorgeschrieben ist, ohne sie abzulegen, außer den Niqab (Gesichtsschleier), „Burqa“, „Litham“ (untere Gesichtsbedeckung, die bis zu den Augen reicht) und Taschentücher – diese müssen abgelegt werden in der Pilgerfahrt.  …

Daher, wenn der Pilger am Miqat, einem der Sammelplätze, angekommen ist, wird es verpflichtend für ihn den Ihram zu vollziehen – und der bloße Wunsch und die Absicht reichen nicht aus, da er sie schon bei der Ausreise seines eigenen Landes gefasst hat – stattdessen muss er durch Wort und Tat agieren und zum Muhrim werden.”

In Rabörh, einem Ort von ca. 25 Häusern, sammelten sich die Hadschadsch aus Ägypten bzw. dem Westen und ließen sich in drei Barbierzelten rasieren, um die sie sich wegen des Gedrängels häufig zankten.  Maltzan ließ sich von einem Matrosen rasieren.  Dann mußten noch die Nägel der Hände und Füße sorgfältig beschnitten werden und Maltzan schritt  zum Reinigungsbad, was hier das Meer darstellte.  Die Hitze war unbeschreiblich.  Die Pilger mußten jetzt mit entblößtem Haupt weiterfahren in einem Land, das sprichwörtlich das Land der Sonnenstiche heißt.  Der Pilger darf höchstens nur die Hände auf dem Kopf halten.  Der Ihram besteht nur aus zwei viereckigen Tüchern aus weißer, oft rotgestreifter Baumwolle.

So stand Maltzan unter 200 Pilgern im Ihram mit kahlem Scheitel und nackten Füßen.  Dann stimmten die Pilger alle den Ruf “Labik” (“Labaik”) an, dessen Sinn Maltzan erst in Europa nachlesen konnte:  “Zu Dir bin ich aus tödlicher Not geflüchtet und folge Dir.”

Maltzan konnte seinen entblößten Kopf hinter einer Kajüte schützen.  Aber ein junger Mann wurde vom Sonnenstich (Bakla) befallen und starb abends, wobei sich sein Vater tröstete:  ”Sein Leben war kurz berechnet!”  “Da für Leute, welche glauben, dass alles, was wir tun und was uns geschieht, vorausberechnet ist, und dass es gar keine Möglichkeit gibt, aus diesen von Gott bestimmten Bahnen herauszukommen, da für diese Leute der Verlust eines Menschenlebens eine erbärmliche Kleinigkeit ist, so wurde unsere Reise durch diesen Todesfall in keiner Weise aufgehalten;  der Tote wurde vielmehr nachts in aller Eile und ohne jede Feierlichkeit am Lande eingescharrt.”  Insgesamt kamen auf der sechstägigen Fahrt von Rabörh nach Dschedda 5 oder 6 Menschen durch Sonnenstich ums Leben.  “Ihr Leben war nur kurz berechnet, das von einigen Jünglingen sogar nur sehr kurz, und niemand fiel es ein, sich über diese Berechnung Allahs zu grämen.”

Anschließend traf das Schiff in Obhor ein mit dem schönsten Ankerplatz dieser Fahrt.

http://www.deutsch-linien.de/obhor

“Obhor, auch als Obhur und Ubhor bekannt, ist eine Meeresbucht und liegt etwa 30 Kilometer nördlich von Jeddah an der Ostküste der Stadt am Roten Meer  im Westen von Saudi-Arabien. .. In Obhor hat Prinz Waleed Bin Talal angekündigt und beschlossen den Bau des höchsten Gebäudes der Welt.”

Es gab dort kein Dorf oder eine Stadt, sondern nur Beduinenzelte, wobei die Beduinen ein ganz unausstehlich rohes, aber natürlich auch strenggläubiges Volk waren.  Ein Pilger darf sich keine Gegenwehr erlauben und kein Tier töten.  Deswegen strichen sie den Buckel eines Buckligen mit Pech an und beklebten ihn mit Nesseln.  Ein Beduine hatte Läuse in einer Tüte gesammelt, und schüttete sie über einen Hadschadsch, der von diesen fortan geplagt wurde ohne sie abstreifen oder töten zu können.  Das Ungeziefer verbreitete sich dann in dem überfülltem Schiff, wobei sich niemand dagegen wehren durfte.  Da auch viele Pilger an Durchfall litten, trugen sie zusätzlich zu den Greueln dieser Pilgerfahrt bei.  Von Obhor ging es dann nach Dschedda, dem Hafenort von Mekka.  Dschedda heißt die Großmutter und ist heilig, weil dort das Grab der Stammmutter Eva liegt.

Kapitel 3. Dschedda

“Dschedda heißt also Elternmutter, und hier soll Sittna Hauwa (Eva) die Ur- und Stammmutter der sündigen Menschheit ihre letzte Lebenszeit zugebracht und ihr Grab gefunden haben.  In Mekka errichtete Adam einen Altar, auf dem nahegelegenen Berge Arafa fand er seine Ehehälfte nach hundertzwanzigjähriger Trennung wieder vor;  in Dschedda endlich starb Eva, nachdem sie vorher die sieben Umgänge um das heilige Haus in Mekka (Kaaba) gemacht und den Monat Ramadan gefastet hatte.  Adam ist dann freilich ausgewandert und im fernen Ceylon verstorben.”

[Es handelt sich um eine muslimische Schöpfungsgeschichte, ein Mythos, der allerdings sehr stark abweicht von der jüdischen Vorlage, die ca. 1200 Jahre älter ist.  Denn im 1. Mose (Genesis) wird nichts davon berichtet.  Dort heißt es nur lapidar (1. Mose 5, 5):  Adam wurde insgesamt 930 Jahre alt und starb.]

„Dschedda gehört zu den wenigen muselmännischen Städten, die nicht wie die übrigen gänzlich verfallen und verkommen sind, sondern die sich ihren Wohlstand noch einigermaßen erhalten haben.  Vom Schiff aus bot sich mir ein erfreuliches Bild dar, zu dem die unermeßliche Wüste den Rahmen bildete.“  Die Pilger verließen mit ihren Habseligkeiten die „Mutter des Friedens“ auf kleinen Kähnen und Maltzans Freude war groß, „in einer Stadt zu sein, die doch durch ihren Wohlstand und ihren Verkehr ein klein wenig an Europa erinnerte.“  (Anmerkung:  Vermutlich beruhte der Wohlstand auch entscheidend auf den Pilgermassen, so ähnlich wie Rom oder Santiago de Compostela.)

Allerdings begann hier der Ärger mit den Zollaktivitäten:

„Gerade als ob die unglücklichen Hadschadsch nicht genug zu leiden gehabt hätten von Gestank, Ungeziefer, Fieber, Sonnenstich, Erkältungen, Erhitzungen, Durchfall und wie die Greuel sonst noch heißen, so hatte die türkische Regierung auch dafür gesorgt, dass sie hier die widerlichsten Zollplackereien durchmachen mußten.  Kaum gelandet wurden wir armen Ihramträger, von denen jeder unter der Last seines Gepäcks keuchte und schwitzte, von einer Bande von unausstehlichen, frechen und gemeinen türkischen Polizisten und Zollhausbeamten in Empfang genommen.“

Da der Ihram keine Taschen hat, befindet sich das Geld der Pilger in ihrem Gepäck und dadurch auch für die Zollbeamten ersichtlich, so dass der Pilger, je nach dem Inhalt, viel Bakschisch zahlen muß.  Durch allerlei Schikanen verlor Maltzan  wertmäßig ca. 800 Piaster, teils für Bakschisch, teils durch Diebstahl des Gepäcks, bis er mit seinem Gepäck das Zollhaus verlassen konnte.

Dschedda zeigte sich nach arabischen Verhältnissen als wohlhabend.  „Dschedda soll aber auch nicht weniger als 12 Millionäre besitzen, das heißt Geschöpfe, welche im übrigen Orient, wenigstens unter Moslems, zu den Fabelwesen gerechnet werden müssen.  Unter diesen Millionären soll es sogar zwei geben, welche Dampfschiffe ihr eigen nennen!  Ein Moslem, der ein Dampfschiff besitzt, ein Moslem, der Millionär ist, ein Moslem, der ein reinliches und geschmücktes Haus besitzt, das sind Dinge, an die ich nicht glauben konnte, ehe ich sie in Dschedda gesehen hatte.“  Dschedda war wegen der bald anstehenden Wallfahrt der Pilger zum Berge Arafa völlig überbelegt, so dass Maltzan nur nach Mühe ein ziemlich teures Zimmer finden konnte.  Maltzan schickte Ali weg, um zunächst Wasser zu holen und dann noch einmal zum Einkaufen, um sich selbst gründlich zu säubern und zu waschen.  Dies ist für einen Pilger, der den Ihram trägt, geradezu verbrecherisch;  denn er darf, wenn er den Ihram trägt sich auch nicht waschen, weil er dabei ein Lebewesen, d. h. Ungeziefer, töten könnte.  Maltzan jedoch beseitigte jetzt alle Läuse, wusch sich und fühlte sich wie neu geboren.  Er zog sich, was gleichfalls verboten ist, einen neuen Ihram an.  Plötzlich hub im Nachbarzimmer ein furchtbares Geheul an.  Es stellte sich heraus, dass es sich um „heulende Derwische“ handelte, die die ganze Nacht gräßliche Laute von sich gaben zu den heiligen Worten:  La Illaha il Allah, Mohammed er-Rasul-Allah.

(Anmerkung:  Derwische sind Mitglieder eines Sufiordens, der von dem bekannten muslimischen Mystiker Ahmed Rifai (1118-1181) gegründet wurde: http://de.wikipedia.org/wiki/Rifai )

Da diese Derwische für ihren liederlichen Lebenswandel verschrieen waren, konnte Maltzan sein Zimmer nicht mehr verlassen aus Furcht seine Habseligkeiten würden gestohlen.  Am nächsten Morgen schicke er Ali aus, seinen Freund Schich Mustapha zu finden.  Nach zwei Stunden kam Ali mit Schich Mustapha und dessen drei Neffen und brachte ihn, Ali samt ihren Habseligkeiten in seine Kaffeebude, wo Maltzan auf einer Bank einigermaßen ungestört schlafen konnte.

Da sie noch drei bis vier Tage in Dschedda zubringen wollten, führte Schich Mustapha Maltzan bei einem Bekannten namens Mohammed Rais ein.  Dieser war ein reicher ehemaliger Sklavenhändler und erzählte lustige Geschichten, so wie diese:  Ein englischer Missionar hatte zwei junge Neger zum Christentum bekehrt und sie das Schreiner- und Schlosserhandwerk lernen lassen.  Anschließend sollten sie zur weiteren Ausbildung nach England fahren.  „Er schickte sie also nach Aden, wo die ‚gottverfluchten Ungläubigen’ eine Kolonie haben, und von dort sollten sie mit einem englischen Segelschiff weiterbefördert werden.  Zum Glück bekam ich Wind von der Sache, hörte auch, dass dies Segelschiff in Dschedda anlegen würde, und beschloß, mich der beiden Jünglinge durch eine List zu bemächtigen.“  Die beiden Jünglinge waren dem Kapitän, einem gutmütigen Branntweinsäufer, anvertraut worden.  Mohammed Rais lockte die beiden Missionarszöglinge ans Land mit üppigen Versprechungen, u. a. von Tänzerinnen und anderen Vergnügungen, nahm sie dort gefangen und tauschte sie dann gegen zwei andere Negerjünglinge aus, die die Kleider der entführten anziehen mußten und die Haare passend geschnitten bekamen.  Diese schickte er ans Schiff zurück mit dem Befehl, kein Wort zu sprechen solange sie in Dschedda vor Anker lagen.  Mit den geraubten Jünglingen machte er ein vorteilhaftes Geschäft, weil es sie für den vierfachen Preis nach Mekka verkaufte, „wo kein Engländer sie entdecken wird, denn jene heilige Stadt darf bekanntlich kein Ungläubiger betreten.“

„Auf unseren weiteren Streifzügen durch die Stadt sahen wir uns auch die Wechselstuben an. Hier findet man fast alle Münzsorten Südeuropas und Westasiens, die türkische Lira so gut wie das französische Zweifrankenstück, den österreichischen Dukaten, die alte venezianische Zechine, die spanische Dublone, ja selbst die englische Guinee.  Münzen, die in Europa nicht mehr gelten, erfreuen sich hier noch großer Beliebtheit, der Piaster sinkt fortwährend an Wert. Die Schuld daran trägt besonders die Regierung, die schlechtere und immer schlechtere Piaster prägen läßt.  Die Geschichte des türkischen Piasters gleicht vollkommen der Geschichte des türkischen Reiches.”

(Anmerkung:  d. h. des türkischen Niedergangs, d. h. des kranken Manns am Bosporus.)

„Von den Frauen kann ich nicht viel sagen, da natürlich, wie überall im Morgenlande, die anständigen Frauen meistens zu Hause bleiben und, wenn sie auf die Straße gehen, sich so dicht verschleiern, dass man nur eben ihre Augen zu sehen bekommt.  Die Beduinnen sind meistens sehr mager und fangen schon mit dem fünfzehnten Jahre an zu verblühen.  Sie sowohl wie die Ägyterinnen glauben, sich durch Färben ihrer Haut zu verschönern, und finden es sehr reizend, schwarze Fußsohlen und Hände zu haben.“

Am zweiten Tag nach der Übersiedlung wanderte Maltzan mit sämtlichen Ägyptern eine Wallfahrt zum Grabe der Elternmutter Eva.  Der Weg dorthin führte ca. 2 ½ Kilometer durch das Bab el Dschedid (das neue Tor).  Direkt hinter dem Tor waren Bretterbuden des Stamms der Suakim, die als die Vagabunden Arabiens gelten und den europäischen Zigeunern gleichen.  „Fast in allen größeren Städten Arabiens gibt es solche Suakim, welche fast immer, wie hier, in elenden Hütten vor dem Tore leben.  Sie stehen im schlechtesten Ruf und verdienen ihn, glaube ich, auch so ziemlich, denn sie ergeben sich dem liederlichsten Leben und treiben die schändlichsten Gewerbe.“  Vor allem sind die Suakim bei frommen Moslems verrufen, weil berauschende Getränke, namentlich wie Busa, ein Traubenbranntwein, bei ihnen beliebt sind.

Die Pilger gingen durch eine weitere Einöde bis sie nach einer halben Stunde zu einem Gewirr von elenden Hütten und Kaffezelten kamen, in deren Mitte sich ein Kuppel erhebt.  „Diese elenden Baulichkeiten bezeichneten den heiligen Ort, der heute das Ziel unserer Wallfahrt bildete.“  Maltzan wartete mit einigen hundert Pilgern auf die Öffnung des Tors einer Ummauerung.  Da der Wärter das Tor nicht aufmachte, stimmten die Pilger aus vielen hundert Kehlen nach einer halben Stunde alle den Pilgerruf „Labik“ an, bis der Wächter Akil kam und von jedem Pilger sein Trinkgeld erhalten hatte.

„Das Gab der Mutter Eva stellt nur einen großen Platz dar, der rings von Mauern umgeben ist.  Es müßte schon eine sehr große Moschee sein, die imstande wäre, die gewaltige Tote zu überwölben, deren Oberkörper, wie berichtet wird, ungefähr dreihundert Fuß und deren Unterkörper zweihundert Fuß lang war.  Nur über die Mitte des Leibes erhebt sich eine aus rohen Korallensteinen erbaute und grellweiß angestrichene Kapelle.  Durch die einzige nach Westen gerichtete Tür traten wir ein, sahen aber zwischen den völlig kahlen und nackten Wänden nichts als einen viereckigen Stein auf dem Boden, der genau die Mitte des Leibes der darunter begrabenen Elternmutter bezeichnet.  Dieser Nabelstein, wie man ihn nannte, war mit vielen eingemeißelten Verzierungen und Inschriften bedeckt, war jedoch im Laufe der Jahrhunderte durch die vielen Küsse von fettigen Pilgerlippen so schmutzig geworden, dass man jetzt die Verzierungen, ja auch die Steinart nur noch höchst undeutlich erkennen konnte.  Diesen heiligen Stein mußten wir, nach der Anweisung des langnäsigen Akils mit brünstigen Küssen bedecken und an ihm ein kurzes Gebet verrichten.“  Auch auf den anderen Körperteilen der Elternmutter Eva wurden Gebete verrichtet, auch an einer Stelle, die als Beule bezeichnet wurde, weil Eva von ihrem Ehemann Adam Prügel bezogen hatte.  Jeder echte Mohammedaner glaubt, dass die Kubba (Kapelle) schon vor sechstausend Jahren von ihren Kindern erbaut wurde.  „Sie liegt auch, wie eine echte Mohammedanerin, mit dem Gesicht nach Mekka gerichtet.“

Nach fünfstündiger Abwesenheit war Maltzan wieder in Dschedda.

4. Von Dschedda nach Mekka

Nach Dschedda zurückgekehrt mietete Maltzan drei Kamele:  eines für sich, eines für Ali sowie ein drittes für das Gepäck, ferner kaufte er Lebensmittel wie Brot, Fleisch und Fische.  Diesen Kauf bereute er allerdings später, weil er nicht wußte, dass man immer nur nachts reist, so dass er die Lebensmittel besser erst am nächsten Tag hätte kaufen sollen.

Am Abend des folgenden Tages, des 25. Du el Kada 1276 (15. Juni 1860) lagerten auf den Plätzen der Stadt wohl tausend Hadschadsch auf den Plätzen der Stadt, ferner Lasttiere wie Kamele, flinke Eselchen, reichbeladene Maultiere sowie edle arabische Pferde aus dem Nedsched, dem Vaterland der schönsten Pferde.  Abends zogen etwa 500 Hadschadsch los, von denen ungefähr hundert auf Kamelen ritt, hundertfünfzig auf kleinen Eselchen und die übrigen zu Fuß gingen.  „Gelegentlich sah man wohl auch eine von zwei reichverzierten Kamelen getragene Sänfte, durch deren offenes Fenster man die seltsamen, gespensterartigen Gestalten von Frauen erblickte.“  Der Marsch der Pilger erfolgte ganz ungeordnet.

An dem Zug nahm auch einer der Mekkaner teil, den Maltzan seit der Nilfahrt kannte.  Der Mekkawi hieß Hassan Ben Ssadak und war im Unterschied zu seiner Prahlerei nicht reich, sondern nur der Sohn eines Fremdenführers.  Diesem Mekkawi bezahlte Maltzan die Kamelmiete von Dschedda nach Mekka, um eine Hilfe bei der Unterkunft in Mekka zu erhalten.  Die Reise von Dschedda nach Mekka dauert ungefähr 18 Kamelstunden, so dass beschlossen wurde, eine Rast in der Mittelstation Hadda einzunehmen.  Nach dreistündigem steten Ansteigen wurde eine kurze Rast an einem Brunnen gemacht, um 23 Uhr wieder an einer Kaffeebude.  Diese Kaffeebunden gehörten meistenteils Türken, die nicht von den dortigen türkischen Soldaten ausgeraubt werden.  Das Verhältnis zwischen den Türken und den Arabern ist sehr gespannt, so dass sie sich gegenseitig die unflätigsten Worte an den Kopf schmissen.  Zwei Türken aus der Reisegesellschaft erhielten jedoch von den türkischen Budenbesitzern bevorzugt Pilaff, das türkische Nationalgericht aus Reis, Butter und Hammelfleisch.  Gegen vier Uhr morgens erreichte die Karawane einen kleinen Ort namens Bahra, wo wieder Pflanzen auftauchten.

Nach weiteren zwei Stunden wurde zur Zeit des Sonnenaufgangs El Hadda erreicht, wo es ungefähr 200 Bretterbuden und  bienenkorbartig gerundete Reisighütten gab.  In Hadda wurde dann der Tag verbracht.  Nach dem Schlaf ging Maltzans nachmittags mit dem Mekkawi in Hadda spazieren.  Sein Mekkawi hatte dort einen Freund, dem acht bienenkorbartige Reisighütten gehörten, von denen er jetzt sieben zu Höchstpreisen an die Pilger vermietet hatte.  „Seine sieben Frauen hatte dieser tüchtige Geschäftsmann samt einem Dutzend schmutziger und lärmender Kinder in eine einzige Hütte zusammengepfercht, wo sie sich nicht zum Besten befunden haben mögen.  Komisch war es nun, wenn eine der Gattinnen es wagen wollte, sich aus dem Schmutz und Ungeziefer in der Hütte einen Augenblick herauszureißen, um etwas frische Luft zu schöpfen.  Dann hätte man sehen sollen, mit welcher Eile der Herr, mit einem großmächtigen Knüppel bewaffnet, herbeisprang und seiner geliebten Frau eine tüchtige Portion Prügel verabreichte, so dass sie schreiend und weinend in den Bienenkorb zurückkriechen mußte.  So sorgte der Herr dafür, dass seine Frauen nicht mit den Pilgern zusammenkamen oder wohl gar eine Liebschaft mit ihnen anfingen.“

Der Herr mit dem großmächtigen Knüppel sowie der Mekkawi kamen mit Maltzan überein, dass er in Mekka in einem abgelegenen, aber ansonsten vorzüglich ausgestatteten Haus, Quartier nehmen sollte.  Der einzige Nachteil sei, dass dort auch bisweilen Perser seien, „die bekanntlich jedem strenggläubigen Muselmann ein Greuel sind.“ (Anmerkung:  Schiiten, ein Wort das Maltzan nie erwähnt).

In El Hadda ist der erste Ort, in dem das heilige Gebiet von Mekka seinen Anfang nimmt.  „Noch ist es Zeit für einen Ungläubigen (= Kafir), umzukehren, wagt er sich weiter, so trifft ihn unfehlbar die Todesstrafe.“

Anmerkung:  Vielleicht heute auch noch!  Jedenfalls ist Mekka nach wie vor für Nicht-Moslems verboten:

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Um 7 Uhr brach die Karawane auf.  „Schich Mustapha glaubte mir etwas recht Tröstliches zu sagen, indem er mir erzählte, dass es unmöglich sei, dass ein Christ das heilige Gebiet betrete, ohne gleich tot niederzufallen.  Ich hätte ihn leicht von der Unrichtigkeit dieser Erzählung überzeugen können, …“

Da es seit Dschedda ständig aufwärts gegangen war, „so machte sich die Nachtkühle doch sehr empfindlich bemerkbar und viele der frommen Hadschadsch zitterten in ihren leichten Umschlagtüchern wie Espenlaub, litten sie doch fast zur Hälfte an Erkältungen des Halses, der Brust und namentlich des Unterleibs.“  Maltzan wollte unbedingt Mekka sehen, der Stadt, die vor ihm nur 12 Europäer gesehen hatten.

Um 11 Uhr erreichte die Karawane die Kubba (Kapelle) eines Heiligen (Marabus), der aus einem fernen Land zum heiligen Mekka wandern wollte, aber dort gestorben war.

Der Mekkawi Hassan Ben Ssadak wurde immer hochmütiger je näher die Karawane Mekka erreichte.  „Jeder Mekkaner ist nämlich von seiner eigenen Vortrefflichkeit so überzeugt, dass es für ihn eine ausgemachte Sache ist, dass der elendste Bettler in Mekka noch besser ist, als der vornehmste Mann in einem anderen Lande.“  Auf der Stufenleiter stehen unter den Mekkanern die Bewohner von Medina, dann die strenggläubigen Beduinen, dann die Ägypter und Syrer, am tiefsten die Maghrebia und Neger.  Außerhalb der Rangordnung stehen die barbarischen Türken, die kein Arabisch sprechen.

„Was jedoch die Perser und andere falschgläubige Moslems betrifft, so gelten sie als verwünschtes Höllenfutter, dass der Mekkaner ihnen den Namen eines Menschen nicht mehr zulegen kann, sondern von ihnen als von Hunden, Schweinen und noch Schlimmerem zu sprechen genötigt ist, mit welchem schönen Namen er auch alle Christen und Juden reichlich beschenkt, die ein Mekkaner begreiflicherweise gar nicht für Geschöpfe Gottes ansieht.“

Mit Absicht rastete man drei Stunden so lange an der Kapelle des Heiligen, dass gerade zu Tagesanbruch Mekka erreicht werden mußte.  Um 2 Uhr morgens erfolgte der Aufbruch.  Im zarten, rosigen Schein der ersten Tagesdämmerung zeigte sich später am Himmelsrand eine graue Masse mit undeutlichen Umrissen.  „Beim Anblick dieser grauen Masse brach auf einmal ein fürchterlicher, unaussprechlicher Jubel aus allen Kehlen los.  Ein tausendfaches „Labik“ begrüßte die Erscheinung.  Mekka, die neunmal heilige Stadt, Mekka, in dem jeder Stein heilig ist, Mekka, in dem die Kaaba liegt, die Kaaba, das heiligste auf Erden, die Wiege des Islam, die feste Burg Gottes auf Erden, Mekka war es, das aus allen Kehlen mit donnernden Rufen begrüßt wurde.  Eine Begeisterung, wie ich sie noch nie in meinem Leben gesehen hatte, tat sich kund.  Viele Pilger warfen sich auf die Erde nieder, streckten die Arme sehnsüchtig nach der schwarzen Häusermasse aus oder bedeckten den Wüstensand mit brünstigen Küssen.  Die meisten weinten, schluchzten oder seufzten in lauten, gellenden Tönen.“

Allerdings beeindruckte Mekka beim näheren Ansehen Maltzan nicht.  „Auch die Umgebung ist nicht großartig.   In dieser traurigen Gegend wäre gewiß nie eine Stadt entstanden, wenn nicht in alter Zeit ein Heiliger, dem das Wasser der bitteren Quelle Semsem, die hier fließt, genügte, die Menschsen hierhergelockt und in ihnen den Glauben an die gewaltige Wunderkrarft dieser Gnadenquelle erweckt hätte.“  Maltzan betrat Mekka vom Westen, wo sich ein Beduinenlager befand, schritt durch die schöne, weite Straße El Emsa und erreichte nach ca. siebzig Schritten eines der Haupttore der großen Moschee, das Bab el Ssalam (Tor des Friedens oder des Grußes).  Als erstes nach dem Betreten der Stadt mußte Maltzan wie alle anderen frommen Hadschadsch den siebenmaligen Umgang um die Kaaba ausführen.

5. Die Kaaba

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Als Maltzan mit Hassan Ben Ssadak am Tor des Grußes angekommen war, standen dort viele Mekkaner (Mekkawia), von denen die meisten Metuafin waren.  „Ein Metuaf ist ein frommer Kirchenführer, der sich ein Geschäft daraus macht, den Pilger an alle heiligen Orte zu führen und ihn überall zu lehren, welche Andachten dort zu verrichten sind. Er führt ihn aber nicht nur durch die Moschee, sondern auch zu allen übrigen heiligen Orten, vor allem zum Berge Arafa, er zeigt ihm auch die Merkwürdigkeiten von Mekka, er führt ihn in die Kaffee- und Barbierstuben, er handelt für ihn in den Läden, er verschafft ihm eine Wohnung, ja er begleitet ihn auch zu allerlei bedenklichen Vergnügungen.“  Hassan schob die Maltzan umringenden Metuafin beiseite und holte seinen Vater, ein spindeldürres Männchen, so dass Maltzan nun mit diesem die frommen Andachtsübungen machen konnte.  Dieser hieß Ssadak (der Gerechte) Ben Hanifa (Sohn der Hanifa, die eine Dame von ganz besonderer Heiligkeit gewesen sein sollte).

Das Innere der Moschee bildete ein großer viereckiger Raum, in welchem sich die zehn oder zwölf Heiligtümer des Islam befinden, und der von allen vier Seiten von einem mächtigen überdachten und nach außen geschlossenen Säulenumgang eingefaßt wird.  Der Säulenumgang hat im ganzen achtzehn Tore, die ganz unregelmäßig auf seine vier Seiten verteilt sind. An dem Säulenumgang sind auch sieben Minaretts (Gebetstürme) aufgestellt, die ganz ungleichmäßig gebaut und geformt sind. Auf allen sieben aber stehen vergoldete Halbmonde, und außerdem wird auf ihnen zu jeder der fünf Gebetsstunden die weiße, am Freitag eine Stunde lang die heilige grüne Fahne aufgezogen, zu welcher Zeit die Mueddin (Gebetsausrufer) die Balkone der Türme besteigen und in singendem Tone das Glaubensbekenntnis des Islam ertönen lassen. Es bringt einen eigentümlichen Eindruck hervor, wenn man zu einer der fünf Gebetszeiten im Hofe der großen Moschee steht und plötzlich, wie mit einem Schlage, die sieben weißen Fähnchen auf die Turmspitze stiegen, die zahlreichen Mueddin auf den Ballonen erscheinen und durcheinander singen und rufen, und oft ging Maltzan in die Moschee, um diesem Schauspiel beizuwohnen.

In der Mitte des Hofes thronte das wunderbare Heiligtum des Islam, die Kaaba.  Sie ragte über alles empor, war höher als der Säulenumgang, höher als alle die Heiligtümer, die sonst noch im Hofe erbaut waren. Die Kaaba, die Würfel genannt wird, ist doch kein Würfel, denn ihre Höhe beträgt beinahe das doppelte ihrer Länge und Breite; so sieht sie aus wie ein barbarischer, abgeschnittener, vierseitiger Turm. Diese seltsame Form, dazu die schwarze Farbe, dazu die tollen Scharen halbnackter Pilger, die bald vor ihr niedersinken, bald aufspringen, um sie und ihre Heiligtümer an Herz und Mund zu drücken, bald in wildem Laufe um sie herumrennen – dies alles macht einen mächtigen, ja grauenerregenden Eindruck.

Zuerst mußte Maltzan den schwarzen Stein küssen und den Umlauf um die Kaaba machen. Sie näherten sich also der östlichen Ecke der Kaaba, wo sich der schwarze Stein eingemauert befindet. Konnte Maltzan ihn anfangs wegen des dichten Gedränges davor überhaupt nicht sehen, so schien es auch ganz unmöglich, vor den ihn umlagernden und ihn küssenden Pilgerscharen zu ihm zu gelangen. Wie eine Mauer unbeweglich, so standen die Leiber dieser Hadschadsch da, von denen man nichts sah als die knochigen Schultern, die kahlen Scheitel und die schmutzigen Lumpen. Man fühlte freilich desto mehr; denn hier kommt das Ungeziefer aus der ganzen Welt zusammen, das beißende und stechende, das kriechende und hüpfende, und man ist völlig wehrlos dagegen.

Neben der Kaaba ist der Semsem-Brunnen.  „Dies Wasser, welches die wunderbarsten Eigenschaften besitzen soll, besitzt jedoch nicht die wichtigste Eigenschaft, genießbar oder verdaulich zu sein, sondern ist bitter und liegt schwer im Magen.“

Nachdem Maltzan etwa eine Viertelstunde gewartet und das übliche Gebet seinem Metuaf bereits nachgesprochen hatte, fragte er endlich ungeduldig, ob es denn kein Mittel gebe, um diese beharrlichen Pilger von ihrem Heiligtums wegzubringen. »O ja,« erwiderte Ssadak, »es gibt eine List, aber sie wird dich einen Rial (etwa zwei Mark) kosten.« Neugierig gab ich ihm den Rial, und nun ging er nach dem Semsembrunnen, erschien aber bald darauf wieder, und zwar in Gesellschaft von vier kräftigen Kerlen, die auf ein Zeichen von Ssadak begannen, mit der vollen Kraft ihrer Baßstimmen zu rufen: »O ihr Pilger, ein frommer Hadsch hat dem Heiligtum ein Opfer dargebracht, damit ihr alle vom Wasser des geweihten Brunnens umsonst trinken möchtet. Kommt herzu, ihr Pilger! Wer das heilige Wasser trinken will, der komme! Allah hat es euch gespendet!« – Diese List gelang vollkommen, denn die meisten Pilger waren arme Leute, die die schöne Gelegenheit, von dem heiligen Wasser umsonst zu trinken, natürlich nicht unbenutzt vorübergehen ließen, sondern in dichten Scharen zum Brunnen drängten. So kam Maltzan , von den Hintenstehenden vorwärtsgeschoben, in die erste Reihe und befand sich nun in unmittelbarer Berührung mit dem Kernpunkt des größten Heiligtums des Islam. Dieser Stein selber ist ein Engel, der seit Erschaffung der Welt in der Kaaba ruht, bei der Zerstörung des Tempels durch die Sündflut in den Himmel geflogen und, als Abraham und sein Sohn Ismael den Tempel wieder aufbauten, vom Erzengel Dschibrail (Gabriel) wieder in seine Mauer eingefügt worden ist. Ursprünglich war er weiß wie Milch, aber vor Grauen über die Sünden der Menschheit hat er seine Farbe gewechselt und ist jetzt schwarz wie Tinte. Sicher ist, daß dieser Stein schon vor Mohammeds Zeiten göttliche Verehrung erfuhr, und daß Mohammed nicht wagte, ihn aus seiner Religion fernzuhalten; statt dessen küßte er selbst den Stein und verfaßte die obenerwähnten Geschichten von ihm.

Diesen berühmten Stein sah Maltzan also jetzt dicht vor sich. Der Stein ist von schwarzbrauner Farbe, etwa zwanzig Zentimeter lang und fünfzehn Zentimeter hoch und besteht offenbar aus mehreren Stücken, die aber durch Kitt und durch einen soliden silbernen Rahmen zusammengehalten werden. Die Oberfläche des Steines ist durch das viele Küssen von schmutzigen Pilgerlippen und das Daranreiben ihrer Hände ganz poliert und mit einer glänzenden Fettkruste überzogen, so daß er jetzt fast wie schön polierter schwarzer oder schwarzbrauner Marmor aussieht.

Maltzan und Ssadak küßten und rieben den Stein,  wandten sich  dann aus dem erdrückenden Gewühl heraus, um nun sogleich den Umgang um die Kaaba auszuführen.

Abrahams Fußstapfen sind eine große Vertiefung, welche etwa zehn Fuß von der Kaaba sich in einem Tempel im Boden befindet und bei der Gelegenheit durch den Fuß Abrahams hervorgebracht wurde, als Abraham seinen Sohn Ismael opfern wollte. Die ungeheure Fußspur ist aber stets mit einem hölzernen Deckel, auf dem ein rotseidener Teppich liegt, bedeckt, und die Pilger dürfen auch nicht in die Kapelle hineingehen, sondern müssen draußen an einem Gitter stehenbleiben.

(Anmerkung:  Abraham wollte nach dem jüdischen Mythos seinen Sohn Isaak, den gemeinsamen Sohn mit der Sarah opfern [1. Mose 22], nicht aber Ismael, den er mit der Nebenfrau Hagar gezeugt hatte, aber auf Geheiß der Sarah samt seiner Mutter verstoßen hatte [1. Mose 21, 9. ff.].)

Es müssen im ganzen sieben Umläufe gemacht werden, und zwar die ersten drei in schnellem, beinahe laufendem Schritte, die anderen vier mit gemessener, bedächtiger Langsamkeit. Erst als Maltzan  dies alles vollendet hatte, war er frei und konnte dem heiligen Hause den Rücken wenden.

Ein glücklicher Zufall wollte es, daß Maltzan die Kaaba das erste Mal so sehen sollte, wie sie wirklich ist, das heißt entblößt von der schwarzen Umhüllung, welche sie das ganze Jahr, mit Ausnahme von vierzehn Tagen, bedeckt. Die Kaaba ist während dieser Zeit »nackt«, und man kann ihre plumpen unregelmäßigen Bausteine, welche bald aufrecht, bald breit gestellt und mit einem groben Mörtel verbunden sind, in aller Muße betrachten. Hat sie ihre schwarzseidene Hülle um, so sieht sie viel stattlicher, aber auch viel düsterer, man möchte sagen, grauenerregend aus. An diesen Schleier knüpft sich mancherlei Wunderglauben. Zuweilen gefällt es der Umhüllung, in Bewegung zu geraten, was freilich die gewöhnlichen Sterblichen dem Winde zuschreiben würden, aber nach Ansicht des Moslems sind es die siebenzigtausend Engel, welche im Tanz und Reigen mit ihren Flügelpaaren so heftige Bewegungen machen, daß der Schleier in Schwingung gerät. Bei einem solchen Ereignis gibt es dann unter den Pilgern eine gewaltige Erregung; aus voller Kehle schreien sie »Labik« und »Malakka« (die Engel) fallen auf ihr Angesicht nieder und beten, schluchzen und weinen.

“Sieben Wunder sind es, welche die Kaaba bewirkt und welche sie vor allen anderen irdischen Orten auszeichnet.

Erstes Wunder: Die Herzen aller Gläubigen werden von der Kaaba wie von einem Magnet angezogen.

Zweites Wunder: Die Kaaba bildet die Gebetsrichtung, welche jeder wahrhaft fromme Moslem ganz ohne sein Zutun richtig erkennt. (Die meisten helfen aber mit einem kleinen Kompaß, den sie immer bei sich führen, ein wenig nach.)

Drittes Wunder: Es ist unmöglich, die Kaaba und den schwarzen Stein zu zerstören (was freilich, wie die Geschichte erweist, schon zweimal geschehen ist.)

Viertes Wunder: Selbst die Vögel haben vor der Kaaba Ehrfurcht und vermeiden es, sich auf derselben niederzulassen. (Ein Wunder, von dessen Unrichtigkeit ich mich selbst überzeugt habe, denn ich sah eine der vielen Tauben, welche von den Pilgern gefüttert werden, auf der Kaaba sitzen.)

Fünftes Wunder: Die Kaaba kann, obgleich sie nur klein ist, dennoch unzählige Pilger zu gleicher Zeit aufnehmen, da die Engel sie nach Belieben vergrößern und verkleinern.

Sechstes Wunder: Jeder, der die Kaaba sieht, muß Tränen der Rührung vergießen. (Ein Wunder, das sich an mir nicht bestätigte.)

Siebentes Wunder: Die Heiligen kommen aus der anderen Welt, um ihre Umgänge um die Kaaba zu halten. (Was die Gespenster betrifft, so sieht man allerdings genug, aber es sind lebendige, nämlich die elenden, abgemagerten, halbverhungerten Bettler, die den Pilger mit schwacher, fast sterbender Stimme um Almosen anflehen.)”

Obgleich die Kaaba oft durch Krieg, Feuersbrunst und Wassersnot leiden mußte, so berichtet die Geschichte doch nur von einer einzigen gänzlichen Zerstörung des heiligen Hauses. Diese fand im Jahre 1626 unserer Zeitrechnung statt, als eine große Überschwemmung Mekka heimsuchte. Ein durch Wolkenbrüche angeschwollener Gießbach, der vom »Berg der Blumen« (Dschebel Nur) herniederstürzte, erfüllte im Nu den Moscheehof, ertränkte fünfhundert Pilger, welche gerade darin ihre Andacht verrichteten, und strömte mit solcher Gewalt weiter, daß er drei Seiten der Kaaba mit sich fortriß. Hierdurch war auch die vierte Wand so beschädigt worden, daß man nötig fand, auch sie niederzureißen, ehe man die neue Kaaba aufbauen konnte.

Nach dem Gang um die Kaaba führte Ssadak Maltzan zum Semsembrunnen, dessen Gebäude er noch nicht betreten hatte. Dieses Haus ist viereckig und sehr schwerfällig; durch eine kleine Tür gelangt man in das ganz mit Marmor ausgelegte Innere, wo man die vier bis fünf Fuß hohe Umfassungsmauer des Brunnens sieht, deren außerordentliche Dicke es erlaubt, daß sich die Tempeldiener, welche das Vorrecht des Wasserschöpfens besitzen, sich auf ihr aufhalten können. Diese Wasserschöpfer sind Nachkommen des Propheten und gelten vielfach als Heilige; sie verabreichen keinen Tropfen aus der Quelle, für den sie nicht bezahlt worden sind; jährlich erhalten sie große Summen von den Pilgern, um den Armen das Wasser umsonst zu reichen, was sie so wenig wie möglich tun.

Als Maltzan von dem siebenmaligen Umgänge bis zum Hinsinken ermüdet, von den Sonnenstrahlen, denen er sein nacktes Haupt und seinen beinahe nackten Körper über eine Stunde aussetzen mußte, bis zum Fieber erhitzt, mit ausgetrockneter Kehle, durstend nach Wasser und lechzend nach Schatten, an den Semsembrunnen trat, da empfing ihn unendlich wohltuend die kühlere Luft, welche den Raum des Gebäudes erfüllte. Ein junger stämmiger Mekkawi, wahrscheinlich ein angehender Heiliger, aber durchaus wie ein roher Bauer aussehend, stand gerade vor ihn auf der Mauer, die den Ziehbrunnen umgibt, und fühlte wohl bei seinem hinfälligen Anblick Mitleid mit ihm. Nachdem er ihm eine beträchtliche Menge des gelobten, aber schlecht schmeckenden Wassers aus seinem Ledereimer zu trinken gegeben, wollte ihm sein Mekkawi, durch sein Trinkgeld günstig gestimmt, noch eine besondere Freude machen. Er holte nämlich Eimer auf Eimer aus dem Ziehbrunnen hervor und schüttete ihm ohne weiteres und ohne zu fragen einen nach dem anderen über den Kopf, so daß er hier ein gründliches Bad nahm, wodurch vielleicht verhindert wurde, daß er Fieber oder den Sonnenstich bekam. Maltzan sah zwar, daß andere Pilger auch ein solches Sturzbad bekamen; aber er bekam wenigstens zehn Eimer über den Kopf, während die anderen mit zwei zufrieden sein mußten. Was nicht ein zu gehöriger Zeit gespendetes Trinkgeld alles vermag!

Von der Entstehung dieses Brunnens erzählen sich die Moslems folgende Geschichte: Als Hagar, Abrahams Magd, ihrem Herrn ein kleines Söhnlein geboren hatte, nämlich den Sidma Smaïl (Ismael), da wurde sie auf Saras Geheiß aus dem Hause gestoßen, und der Engel Gabriel entführte sie und ihr Kind durch die Lüfte nach dem Tal von Mekka, wo damals weder eine Stadt lag, noch weit und breit ein Bächlein oder etwas Grünes zu erblicken war. Verzweifelt suchte die arme Hagar nach einer Quelle; aber alles Suchen war vergeblich, trotzdem sie den siebenmaligen Umgang um die Kaaba vollführte (die allerdings noch nicht existierte!) und siebenmal verzweifelt zwischen den Hügeln Ssafa und Marua auf und ab eilte. Als sie endlich zu ihrem am Boden liegenden Söhnchen zurückkehrte, bemerkte sie zu ihrem Erstaunen, daß zwischen den Beinen des Kindes ein Wasserstrahl hervorsprudelte, der gar kein Ende nehmen wollte. Sie hob ihr Söhnchen auf, und jetzt erst sah sie, daß eine Quelle aus dem Boden hervorsprang. O Wunder, o Glück! Die arme verstoßene Hagar hatte in der wasserlosen Wüste eine Quelle gefunden; und was für eine Quelle! keine andere als den hochberühmten Brunnen Semsem!

(Anmerkung aus 1. Mose 21, 9. ff:

http://www.bibel-online.net/buch/luther_1912/1_mose/21/

„14 Da stand Abraham des Morgens früh auf und nahm Brot und einen Schlauch mit Wasser und legte es Hagar auf ihre Schulter und den Knaben mit und ließ sie von sich. Da zog sie hin und ging in der Wüste irre bei Beer-Seba. 15 Da nun das Wasser in dem Schlauch aus war, warf sie den Knaben unter einen Strauch 16 und ging hin und setzte sich gegenüber von fern, einen Bogenschuß weit; denn sie sprach: Ich kann nicht ansehen des Knaben Sterben. Und sie setzte sich gegenüber und hob ihre Stimme auf und weinte.

17 Da erhörte Gott die Stimme des Knaben. Und der Engel Gottes rief vom Himmel der Hagar und sprach zu ihr: Was ist dir Hagar? Fürchte dich nicht; denn Gott hat erhört die Stimme des Knaben, da er liegt. 18 Steh auf, nimm den Knaben und führe ihn an deiner Hand; denn ich will ihn zum großen Volk machen.

19 Und Gott tat ihr die Augen auf, daß sie einen Wasserbrunnen sah. Da ging sie hin und füllte den Schlauch mit Wasser und tränkte den Knaben. 20 Und Gott war mit dem Knaben; der wuchs und wohnte in der Wüste und ward ein guter Schütze. 21 Und er wohnte in der Wüste Pharan, und seine Mutter nahm ihm ein Weib aus Ägyptenland.“)

Natürlich hat das Semsemwasser viele wunderbare Eigenschaften. Die hauptsächlichsten sind folgende: Erstes Wunder: Das Semsemwasser nimmt niemals ab. Millionen können daraus trinken, nie wird man eine Abnahme seiner Wassermenge entdecken.

Zweites Wunder: Man kann vom Semsemwasser ohne Schaden so viel trinken, als man nur mit einem stets gefüllten Eimer den ganzen Tag in sich hineinzuschütten vermag.

Drittes Wunder: Das Semsemwasser heilt alle Krankheiten. Wird der Kranke nicht gesund, oder fällt es ihm gar ein zu sterben, so ist das keineswegs ein Beweis gegen die Heilkraft des Wassers, sondern nur davon, daß der Kranke noch nicht genug getrunken hat.

Viertes Wunder: Das Semsemwasser kann nicht zum Kochen oder Waschen von Kleidern verwendet werden; denn eine Menge von Geistern haust in diesem Wunderwasser, die zwar gewöhnlich sehr harmlos sind, sich aber in die schlimmsten Teufel verwandeln und dem Bösewicht, der das Semsemwasser siedend machen wollte, die boshaftesten Streiche spielen würden.

Nachdem Maltzan sich am Semsembrunnen durch Trunk und Bad erfrischt hatte, setzte er seinen Weg durch die Moschee in völlig triefendem Zustande fort. Übrigens war er eine Viertelstunde später nach dem Bade wieder vollkommen trocken.

Maltzan ging nun durch das Tor des Propheten hinaus und befand sich bald in der schönen, großen Hauptstraße El Emsa, in welcher die Pilger, wie Hagar, das siebenmalige Rennen abhalten.  Zu diesem „frommen Galopp“ war er jedoch zu müde.

6. Mekka

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Anschließend ging Maltzan mit dem Vater Ssadak zu einem Kaffeehaus, wo der Sohn Hassan ihn erwartete.  Dieses Kaffeehaus war zusätzlich noch ein Barbierladen, von dem Maltzan berichtet:  „Die Kaffeewirte und Barbiere zeigen den angeborenen Stolz der Mekkaner, von denen einer mehr ist als zehn Fremde, und wenn sie nicht gerade unhöflich sind, so benehmen sie sich doch ganz so, als ob alles, was sie für die Fremden tun, nur Gnade wäre, die sie ihnen für gutes Geld gewähren: Es ist eine Gnade, rasiert zu werden, eine Gnade, wenn man eine Tasse Kaffee bekommt, eine Gnade, wenn ein Mekkaner mit einem Fremden spricht. Da Maltzan bei seinem Eintritt in den Barbierladen die Vorsicht gebrauchte, einige Silberstücke in der Hand blinken zu lassen, so war der Besitzer gnädig genug, ihm bald ein wenig Aufmerksamkeit zu schenken. Besonders gnädig schien er jedoch zu werden, als ihm sein Metuaf etwas über seine Person in die Ohren flüsterte. Es ist nämlich eine Sucht all dieser religiösen Lohndiener, die Personen, die sie begleiten, für sehr vornehme Herren auszugeben. Erst später sollte Maltzan erfahren, für was ihn seine beiden guten Leute ausgaben, nämlich für nichts Geringeres als den Pascha von Algier. Als »Prinz von Algier« brachten sie ihn in der halben Stadt herum, und nur diesem Umstände ist es zuzuschreiben, daß sein Aufenthalt in Mekka plötzlich ein unerwartetes Ende nahm. – Da Maltzan den Umgang um die Kaaba vollendet hatte, so konnte ich mich wieder rasieren, baden, kleiden, kurz den entsetzlichen Ihram ablegen und aufhören, wie ein wildes Tier, nackt und voll Schmutz und Ungeziefer herumzugehn; er durfte wieder ein Mensch sein.“

Nachdem sich Maltzan in dem Kaffeehaus gründlich ausgeruht hatte, wurde er von den beiden Ssadaks zu seiner Herberge gebracht.  „Zuerst mußten wir wieder durch die breite Hauptstraße El Emsa. Aber das war nicht so leicht zu bewerkstelligen, denn eben hielten einige hundert Gläubige hier das fromme siebenmalige Rennen von einem Ende bis zum andern ab. Alle diese halbnackten, staub- und schmutzbedeckten, keuchenden, schwitzenden, stöhnenden Wesen, von der Sommerhitze, der ihr nackter Scheitel stundenlang ausgesetzt gewesen war, fieberhaft erhitzt, furchtbar ermüdet und aufgeregt zugleich, alle diese fast tobsüchtig gemachten Menschen rannten laut schreiend die Straße hinauf und dann wieder hinab. Wir mühten uns ernstlich, den wilden Rennern auszuweichen, aber plötzlich lag der arme Ali am Boden und die Hadschadsch schritten, liefen und rannten über ihn dahin, wobei er manchen Fußtritt abbekam. Nur mit Mühe gelang es uns, den armen Neger wieder aufzurichten. Aber dabei wäre es uns bald ebenso ergangen. Ein besonders wilder Pilger stieß uns so heftig an, daß wir alle drei zu Fall kamen; doch gelang es uns, rasch emporzukommen und Ali mit uns fortzuziehen. Der war nun freilich am ganzen Körper mit Beulen und blauen Mälern bedeckt, aber da die Fußtritte der diesen Lauf abhaltenden Pilger für heilig gelten, so war Ali bald getröstet.“  Die Herberge Maltzans lag etwas außerhalb der Stadt an der Pilgerstraße zum Berg Arafa.  Sein Wirt Hamdan war ein nach morgenländischen Begriffen schöner Mann, d. h. rund und fett.  „Nur eins verunstaltete sein Gesicht, das waren drei längliche Narben auf den Wangen; diese rühren von Einschnitten her, wie sie jeder Mekkaner bei seiner Geburt bekommt und auf die die Söhne der heiligen Stadt sehr stolz sind.“  „Am Abend des vierten Tages seit seiner Ankunft in der heiligen Stadt führte sein Metuaf, Ssadak ben Hanifa, Maltzan noch einmal zur Moschee, der man, wie es die Pflicht eines jeden guten Gläubigen verlangt, auch einen Abendbesuch machen muß. An Straßenbeleuchtung ist natürlich nicht zu denken, und so mußten Ssadak und sein Sohn auf dem nächtlichen Wege mit einer Laterne notdürftig voranleuchten. Alles war still zwischen den dunklen Massen der Häuser. Nur hier und da hörte man den Tritt eines Pilgers, der, wie Maltzan, von einem Laternenträger begleitet, die Moschee aufsuchte. Wie Geister, in den weißen Ihram gehüllt, so tauchten diese Pilger, je mehr sie der Moschee näherten, immer häufiger aus dem Nachtdunkel auf, bald aus einem Tore, bald aus einer dunklen Nebenstraße hervortretend. Durch das geheiligte Tor der Propheten traten sie nun in den Moscheehof ein. Ein überraschender, ja wundervoller Anblick erwartete sie heute. Unzählige kleine Öllämpchen erhellten die Kaaba und die Heiligtümer, die sie umgaben, gerade genug, um sie zu gewahren, nicht aber genug, um sie völlig deutlich sehen zu können, und so konnte man sich in diesem Halbdunkel noch alles viel schöner ausmalen, als es in Wahrheit beschaffen war. … Hier und da wurde auch eine Leiche im Moscheehofe dahergetragen, da mancher Sterbende nicht Zeit gehabt hatte, sich im letzten Augenblick in den Tempel bringen zu lassen und auf seinem Totenbette befahl, seinen leblosen Körper den Umgang um die Kaaba machen zu lassen, den er selbst nicht mehr zurücklegen konnte. – Bis nach Mitternacht verweilten sie in der Moschee.“

„Inzwischen war der zweite Pilgermonat, Du el Kada, zu seinem Ende gekommen; nun brach der dritte und letzte Pilgermonat, Du el Hödscha, das heißt der »Herr der Pilgerfahrt« (Anmerkung: Dhul-Hidschdschah).  Da am 1. Du el Hödscha die Ankunft der großen Pilgerkarawane aus Bagdad und am zweiten die Karawane der syrischen Hadschadsch erwartet wurde, so mußte ich noch kurz vorher zwei der notwendigen Pflichten eines Pilgers erfüllen, nämlich den Lauf zwischen Ssafa und Merua und die Wallfahrt nach Omra (die sogenannte kleine Wallfahrt).”

(Anmerkung aus:

http://hadsch.dwih.info/sa-i-zwischen-safa-und-marwa

„Sa’i zwischen Safa und Marwa

Weiter geht es zu Sa’i zwischen Safa und Marwa (zwei kleinen Hügeln). Wenn man den Fuß von Safa erreicht, rezitiert man aus dem Qur´an: Innas-safa wal marwata min sha’a'irillahi faman hajjal baita ‘awi’ tamara fala janaha ‘alaihi an yattawwafa bihima wa man tatawwa’a khiran fa’innallaha shakirun ‘alimun.

As-Safaa und Al-Marwa gehören zu den Kultsymbolen (scha’aa’ir) Allahs. Wenn einer die Wallfahrt zum Haus (der Kaba) oder die Besuchsfahrt (Umra) vollzieht, ist es für ihn keine Sünde, bei ihnen den Umgang zu machen. Und wenn einer freiwillig ein gutes Werk leistet, so ist Allah dankbar und (über alles) unterrichtet (und enthält ihm seinen Lohn nicht vor). (2:158) Und man soll sagen: Wir beginnen mit dem, womit Allah begonnen hat:

So beginnt er mit Safa und klettert auf ihn hinauf bis er die Kaba erblickt.“)

Am nächsten Morgen um 6 Uhr legte Maltzan daher die Umschlagetücher wieder an und folgte seinem Metuaf in die große Hauptstraße von Mekka, die schon erwähnte El Emsa, in der das fromme Rennen stattfindet. Sie durchschritten diese Straße in ihrer vollen Länge bis zu ihrem östlichen Ende. Dort erhebt sich die Säule Eß Ssafa (As-Safa), die ungefähr die Form eines alten christlichen Altars hat, zu dem man auf drei Stufen hinaufschreitet. Als Maltzan die höchste Stufe erreicht hatte, wandte er, auf Ssadaks Aufforderung, das Gesicht nach Westen der Moschee zu (die jedoch vor den Häusern der Straße nicht zu sehen war), streckte seine Arme gen Himmel aus und sprach das vorgesprochene Gebet nach. Hierauf begann er den Lauf, die Hauptstraße entlang bis zu der Säule El Merua am anderen Ende, streng nach der Vorschrift teils laufend, teils rennend. Diese sogenannte Säule hat auch das Aussehen eines rohen steinernen Altars. Vier große Stufen führen hinauf, oben spricht man sein Gebet, und dann beginnt der Rücklauf. Ist man an der ersten Säule wieder angekommen, so hat man den ersten Lauf beendigt, und erst nach sieben Läufen ist die ganze heilige Handlung beendigt. Während des Laufens müssen beständig Lobsprüche und Glaubensformeln hergesagt werden, wie »Allahu akbar« (Gott ist groß) und ähnliche.

Dieser Lauf findet zum Andenken an Hagar, Abrahams Magd, statt, welche, wie schon erzählt, siebenmal hier herumirrte, ehe sie den Brunnen Semsem fand. Er bietet einen ganz eigentümlichen Anblick dar. Man sieht nichts als halbnackte Gestalten, welche in wahnsinniger Begeisterung die Straße auf und ab rennen, dicht gefolgt von ihrem Schatten und unzertrennlichen Begleiter, dem Metuaf. Während die Pilger vor Eifer und Leidenschaft verzerrte Mienen zeigen, spricht aus dem Gesicht der Führer nur reine Geldgier.“

„Von der Säule Eß Ssafa (As-Safa) begab sich Maltzan ungesäumt auf die Wallfahrt nach Omra. Der Weg dorthin mag etwa drei Viertel einer deutschen Meile betragen; Maltzan und seine Führer legten ihn aber auf zwei flinken kleinen Eselchen bald zurück. Der Weg führte durch eine sandige, fast völlig kahle Ebene; bei einem großen Haufen unordentlich aufgetürmter Steine machten sie Halt, um dem gottlosen Oheim des Propheten, Abu Lahab, und der ebenso gottlosen Tante, die hier begraben liegen, unter schrecklichen Verwünschungen ein paar Steine aufs Grab zu werfen, und erreichten bald die kleine Kapelle El Omra, wo sie ihre Gebete zu verrichten hatten. Die Kapelle war aber mit Hadschadsch förmlich gestopft und der Boden mit frommen Betern wie gepflastert, so daß sie, wollten sie nicht erdrückt werden, ihre Gebete rasch beendigen mußten. Unter Lobgesängen und beständigem »Labikrufen« kehrten sie dann auf ihren kleinen Eseln reitend nach Mekka zurück.“

Am ersten Tage des Monats Du el Hödscha langte die Pilgerkarawane aus Bagdad an und am folgenden die aus Damaskus, und während die erstere nur fünfzehnhundert Pilger zählen mochte, zählte die letztere nicht ganz viertausend. Diese, welche die größte aller noch bestehenden Pilgerkarawanen ist und von einem türkischen Pascha kommandiert wird, wurde von dem Großscheriff von Mekka mit seinen Söhnen und zahlreichen Begleitern aufs Feierlichste eingeholt. Maltzan ging am Nachmittag mit Ssadak und Sohn vor die Stadt, um der Ankunft dieser Karawane beizuwohnen. Ihr Weg führte sie an dem großen Friedhof von Mekka vorbei auf den Lagerplatz, auf dem die syrischen Pilger ihre Zelte aufzuschlagen pflegen. Viele Bürger von Mekka waren am Morgen hinausgezogen, um die Karawane im Triumph einzuholen. Voran ritt der Großscheriff von Mekka, ein stattlicher, alter Mann, mit seinen vier Söhnen, edle, würdige Gestalten, auf den schönsten arabischen Pferden sitzend, in reiche, seidene Gewänder gekleidet, mit Kaschmirschärpen und Kaschmirturbanen umschlungen. Dem Großscheriff zur Seite ritt der Pascha von Damaskus, ebenfalls auf einem Araberpferde; aber der Türke mit seinem langweiligen Gesicht und seinem runden Schmerbauch sah doch neben den mageren aber sehnigen Arabern nicht sehr würdig aus.“

Die Mieten in den Herbergen stiegen nun um das Dreifache, so dass Matzan ziemlich kämpfen mußte, um die seinige weiter zu behalten.

7. Der heilige Berg Arafa

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Inzwischen war der heilige Tag, der achte Tag des Monats Dhul-Hidschdschah, nahe herangekommen, der alle Pilger auf dem Berge der Erkenntnis (Arafa) versammeln und uns den heiligen Titel Hadsch (Pilger) verleihen sollte, welchen man nur an diesem Tage und nur auf diesem Berge sich erringen kann und der die Krone der ganzen Pilgerfahrt ist.

Am Nachmittag des siebten Tags zogen unzählige Pilgerscharen zur Moschee, um sich dort zur Pilgerfahrt nach Arafa zu sammeln und ihre letzten Andachtsübungen für diesen wichtigen Weg abzuhalten.  Die Pilger warteten unter Andachtsübungen bis eine Stunde vor Sonnenuntergang. (Anmerkung:  Also wieder eine Wanderung nachts!) Dann verließen sie den Tempel und zogen durch ein paar Straßen nach einer sandigen Ebene im Norden der Stadt. Hier beginnt der Pilgerweg, den man oft erst nach zwölf Stunden zurücklegt.

An der Spitze schritt das geheiligte Kamel, welches die sogenannte Fahne des Propheten trug, die aber einstweilen noch in einem Futteral eingeschlossen war; ihm folgten zuerst die Würdenträger, dann die große Masse der Pilger.

Maltzan schloß sich mit den Ssadaks der syrischen Karawane an.  Sie saßen alle auf kleinen Eselchen.

Gleich an dem nördlichen Ende der heiligen Stadt beginnt eine große sandige Ebene, durch welche sich der Mekkakanal windet, der die Stadt mit reichlichem, aber ziemlich schlechtem Wasser, welches man nicht zum Trinken gebraucht, versieht. Neben ihm zieht sich, fast immer parallel mit demselben, die Pilgerstraße hin.

Bei der letzten Vorstadt trennt sich die große Hauptstraße in zwei Teile:  nach Osten zieht sich der Pilgerweg, der zum heiligen Berge führt, nach Norden geht es nach Medina und Syrien.  Dort befanden sich gegenüber einem weiteren Palast des Großscheriffs die ägyptischen Pilger.  Die ägyptische Karawane ist zwar nur klein, da die meisten Ägypter die Seereise der beschwerlichen Landreise vorziehen; aber sie hat doch eine gewisse Wichtigkeit, weil auch mit ihr jedesmal ein geheiligtes Kamel (also das zweite) nach Mekka kommt und die Geschenke des Sultans für die Kaaba, unter anderem auch den schwarzen Schleier des heiligen Hauses, trägt. Dieses geheiligte Kamel wurde von unzähligen Pilgerkehlen mit lauten Labikrufen begrüßt und dann neben seinem syrischen Gefährten an die Spitze des ganzen Pilgerzuges gebracht.  Während der Nacht kam der Pilgerzug in eine Schlucht, die sich so verengte, dass der Pilgerzug einen großen Aufenthalt erlitt, weil die ca. 30000 Hadschadsch, zwei und zwei, ja an einzelnen Stellen einer nach dem andern, hintereinander folgen mußten. In dieser Schlucht liegt das für heilig erachtete Dorf El Menaa, das mit lautem Geschrei begrüßt wurde. Der Ruf »Labik« hallte donnernd von allen Steinwänden nieder und schallte weit und breit durch das ganze Tal hindurch.

Gegen 5 Uhr morgens traten die Pilger aus der Schlucht heraus und kamen in die Ebene, die am Fuße des Berges Arafa liegt.

Diese Ebene war eine Wüste, in der nichts zu wachsen schien, nicht einmal die trockene Distel, eine Wüste voll von Steinen und Steingeröll, aus der sich der niedrige Hügel des Arafa, eine beinahe völlig kahle Felsenmasse, trostlos erhob, es war eine Wüste, so schaurig und traurig, wie Maltzan sie nur je gesehen hatte.

Dort fand Maltzan eine Lagerstadt vor bestehend aus zahlreiche Kaffeebuden und Reiserhütten, welche die Mekkaner hier errichtet hatten, sowie Zelten.  Viele Pilger waren schon am Tag zuvor gekommen.  Im Osten hatten auch die heiligen Kamele ihren Ruheplatz, und die von ihnen getragenen Fahnen entfalteten majestätisch ihre grüne Seide unter dem Hauch des Ostwindes. Im ganzen mochten wohl dreißigtausend Pilger da sein.

Über Langeweile konnte sich Maltzan nicht beklagen:  Bald sahen sie  den gefährlichen Spielen indischer Gaukler zu, die sich, scheinbar, selbst Messer ins Auge und Dolche in den Bauch rannten; bald sahen sie einem Schlangenbändiger zu, der sich von Giftschlangen beißen ließ und sie dann selbst verzehrte. Hier lauschten sie einer arabischen Musikbande, die auf Flöten und Trommeln Lärm machte; dort hörten sie dem frommen Gesang einer sehr unheiligen Tänzerin zu usw.

Endlich brach der Abend an und mit ihm ein herrliches Schauspiel, denn die ganze Lagerstadt erleuchtete sich mit unzähligen Lampen und farbigen Ballons. Vor vielen Zelten brannten Feuer, überall war Helle und Glanz, und in diesem Lichtermeer wogte das Pilgerheer bis gegen Mitternacht auf und ab. Erst nach 1 Uhr konnten sie in der bestellten Kaffeebude ihr Nachtlager aufschlagen und eine kurze Ruhe genießen, die aber schon um 5 Uhr durch den Kanonenschuß, der den heiligen Tag verkündete, unterbrochen wurde.  (Anmerkung:  Das wäre allerdings nach meiner Berechnung dann der 9. Tag!)

Wie Maltzan vor das Tor der Kaffeebude trat, hatte er einen überraschenden, großartigen Anblick. Die glutroten Strahlen der aufgehenden Sonne überzogen den Berg mit wundervollen, warmen Farben, so daß die ganze Felsenmasse strahlte wie ein einziger feuerroter Ofen. An Bäumen fehlte es gänzlich, selbst Sträucher waren nur wenig zu sehen; statt dessen schmückte sich der Berg mit unzähligen weißen Punkten, die auf ihm bald einzeln, bald in Gruppen herumirrten – die mit dem weißen Ihram bekleideten Pilger.

Die Begeisterung nahm nun immer mehr zu und äußerte sich in unzähligen Labikrufen. »Labik«, so tönte es in den Straßen der Hüttenstadt; hervor aus ihren Zelten drang der Ruf »Labik«; »Labik«, so schrie ein jeder Pilger, der eben sein Gebet verrichtet hatte; »Labik«, so hallte es durch die ganze Ebene wieder und wieder, und das Echo des Granitfelsens Arafa gab zwar schwach, aber doch hörbar den Ruf »Labik« zurück. In Begleitung seines Metuaf und dessen Sohnes bestieg Maltzan nun die Granitmasse, die nur etwa achtzig Meter über die Ebene emporragt. Der Weg zu seinem Gipfel besteht zum Teil aus Stufen, welche in den Felsen eingehauen sind. Nachdem sie etwa fünfundvierzig dieser Stufen erklommen hatten, befanden sie sich an der Stelle, an welcher die beiden ersten Menschen (Anmerkung:  Adam und Eva) sich nach langer Trennung (Anmerkung:  120 Jahren) wiedergefunden haben sollen. Es muß jedenfalls ein sonderbarer Anblick gewesen sein, als diese beiden riesigen Menschen, die nach der Ansicht des Islam schon doppelt so hoch als der ganze Berg Arafa gewesen sein müssen, auf diesem kleinen Hügel beieinander gestanden haben. Aber wenn Maltzan auch innerlich sich an diesem Gedanken ein wenig belustigte, äußerlich war er genötigt, die größte Andacht zu bezeigen und genau die für diese Stelle vorgeschriebenen Gebete nachzusprechen.

Nach weiteren siebzig Stufen erreichten sie eine Felsenplatte, welche die Kanzel genannt wird, und auf welcher heute eine Predigt gehalten werde sollte.  Von hier aus wurde der Weg immer steiler und enger. Scharen von Pilgern bedeckten ihn, so daß Maltzan samt Begleiter  nur mit Mühe zum Gipfel gelangen konnten. Dort bezeichnet eine kleine Kapelle die Stelle, wo Mohammed seine Jünger zu unterrichten und während der Pilgerfahrt selbst zu beten und zu predigen pflegte. Es war jedoch nicht daran zu denken, in das Heiligtum Einlaß zu erlangen, so dicht war dasselbe mit Hadschadsch besetzt, so daß sie sich begnügen mußten, ihre Gebete vor der Tür des Heiligtums zu verrichten.

Maltzan verließ den Heiligen Berg, der von zahlreichen Pilgern besetzt war, die auf die in sieben Stunden zu erfolgende Predigt warteten.  Dort unten starb noch vor der Predigt der fromme Schich Mustapha, der seinen Neffen und Maltzan soviel (langweilige) erbauliche Moralpredigten gehalten hatte, wobei er vor seinem Tod noch gesagt hatte:  »O möge Allah mir noch gestatten, die heilige Predigt zu hören, dann will ich mit Freuden diesen irdischen Schauplatz verlassen, um im Paradiese die Wonnen zu genießen, die den frommen Gläubigen beschieden sind!«.  Er wurde vor der Kaffeebude im Sand verscharrt und war sofort vergessen.  Kaum waren die Gebeine des Schich eingescharrt, als auch schon drei Tänzerinnen im Kaffeehause ihre Plätze an der Seite der drei Jünglinge eingenommen hatten. Von nun war ihr Lebenswandel gerade das Gegenteil von dem eines guten Moslems, und da sie Maltzans Predigten, die er als frommer Pilger an sie richtete, mit Hohngelächter beantworteten, so zog er sich in einen Winkel der Kaffeebude zurück und wartete in Geduld der Stunde der Predigt auf Arafa.

Kurz vor der Stunde des Nachmittagsgebets suchte Maltzan sich zwischen den dichtgedrängten Pilgerscharen auf dem Berge in der Nähe der Kanzel einen Platz zu erobern. Der Berg und seine nächste Umgebung war mit wartenden Hadschadsch wie besät, die eine hundertfache Mauer kahler Scheitel und nackter Schultern bildeten. Dennoch gelang es den kräftigen Rippenstößen, welche Hassan, der Sohn seines Metuaf, den Pilgern versetzte, hindurchzukommen, wobei er immer rief: »Platz, du fremder Hund, einem Sohn der heiligen Stadt!« So glückte es, so nahe an die Plattform vorzudringen, daß Maltzan alles, was dort vorgehen sollte, hören und sehen konnte. Dann kam der Prediger (Chetib) auf einem Kamel für die Arafa-Predigt.  Er schien sich einer Verehrung zu erfreuen, die geradezu an Anbetung grenzte.  Gewöhnlich ist es der Kadi von Mekka, welcher die Arafapredigt hält; in diesem Jahre hatte jedoch ein anderer Mollah (Geistlicher) seinen Platz eingenommen.

Endlich war der Chetib auf der Plattform angekommen, wo er seine Predigt, ohne vom Kamel abzusteigen, begann. Diese Predigt dauerte zwei Stunden und war aus allbekannten religiösen Formeln zusammengesetzt, welche der Prediger aus einem Buche, das er in der Hand hielt, ablas.  Die Predigt war kaum hörbar.  Dies ist auch gar nicht nötig; denn das Verdienst besteht nicht darin, daß man die Predigt recht aufnimmt, sondern darin, daß man überhaupt zurzeit, wenn sie gehalten wird, beim Berge Arafa anwesend ist. Maltzan hörte die ganze Predigt zwar ziemlich gut, verstand aber nur hier und da ein etwas deutlicher ausgesprochenes Wort, woraus er schließen konnte, daß es sich um die Verdienste der Pilgerfahrt handelte.

Sehr notwendig sind auch die Tränen der Rührung, welche bei den Predigten vergossen werden müssen. So hielt denn auch der Chetib jeden Augenblick ein großmächtiges Schnupftuch, welches, wie ihm schien, von rotem Baumwollstoff war, vor die Augen, um durch dieses weithin sichtbare Zeichen anzudeuten, daß die Pilger es nicht an der nötigen Rührung möchten fehlen lassen. Bei vielen Pilgern waren die Tränen ohne Zweifel echt.  Ssadak und Sohn weinten die allerhellsten Tränen. Die elenden Heuchler! Wie sie das nur fertig brachten!? Je weiter die Predigt vorrückte, desto stärker wurde das Schluchzen, Seufzen, Gestöhne und Weinen der Pilger. Zuletzt wurde die Menge aber doch sichtlich der Predigt müde. An die Stelle des Weinens trat bei manchen Gähnen; viele trippelten förmlich mit den Füßen vor Ungeduld.

Nachdem die Sonne in Richtung Mekka untergegangen war, beendete der Chetib die predigt und es  begann das Heruntersteigen. Und wie schnell das ging! Gleich einem von einem Wolkenbruch angeschwellten Gießbach, so rollte der Pilgerzug vom Berge hernieder. Wehe dem, der nicht Schritt halten konnte, er war sicher, erdrückt oder zu Tode getreten zu werden, wie denn bei diesem Niedersteigen alljährlich nicht wenig Unglücksfälle vorkommen sollen. Auch Maltzan mußte natürlich mit den Scharen vorwärts; kaum hatte er Zeit, in der Hüttenstadt sein Reittier mitzunehmen. In dieser Budenstadt hält man sich sonst gar nicht auf, sondern drängt unaufhaltsam weiter, wieder nach Mekka zurück, oder vielmehr nach dem zwischen Mekka und Arafa gelegenen Menaa, wo die letzte religiöse Station der Pilgerfahrt ist, die jeder Hadsch auf dem Rückwege von Arafa besuchen muß.

Unaufhaltsam wälzte sich der Pilgerschwarm vorwärts. Da es inzwischen Nacht geworden war, so wurden eine Menge Fackeln angezündet, so daß man den Weg ganz gut sehen konnte. Auch sein Metuaf hielt eine Fackel in seiner altersschwachen Rechten.

Um Mitternacht kamen sie an eine Moschee, wo sie den Rest der Nacht auf freiem Felde schliefen, um am andern Morgen dem Frühgebete bei der Moschee beizuwohnen. Seine Nachtruhe war jedoch nur von sehr kurzer Dauer, denn schon um drei Uhr weckte ihn Ssadak, um ihn mit nach der Moschee zu nehmen. Es war der Tag des Korban Bairam, des großen Opferfestes, welchen größten Tag des Islam sie heute begehen sollten. Auf einer Plattform vor der Moschee hatte derselbe Chetib Platz genommen.  Nach seiner Predigt wurde das Morgengebet gehalten und darauf umarmte sich alles und wünschte sich Glück zum Fest. Auch Maltzan mußte die Umarmungen einiger hundert Hadschadsch, welche er in seinem Leben nie gesehen hatte, über sich ergehen lassen, und das war keineswegs angenehm, denn viele dieser Biedermänner waren krank, triefäugig oder verbreiteten einen pestartigen Geruch. Dann wurde noch einmal ein donnerndes Labik gerufen und der Pilgerschwarm wälzte sich weiter nach Menaa zu, wo sie etwa eine Stunde nach Sonnenaufgang anlangen sollten.

Ehe sie jedoch aufbrach, mußte Maltzan auf die Anweisung seines Metuaf hin einundzwanzig, das heißt dreimal sieben Steine vom Boden aufheben, die er in einer eigens hierzu bereit gehaltenen Tasche aufbewahrte. Er sah, daß alle Pilger dasselbe taten, und so wurden hier nahezu eine Million Steine aufgehoben, welche sämtlich dem großen Teufel an den Kopf geworfen werden sollten. In diesem Tale nämlich trat der Satan in der Gestalt der Schlange Iblis dem Vater Abraham auf seiner Pilgerreise nach Arafa dreimal in den Weg, um ihn von seinem frommen Vorhaben abzuhalten. Aber jedesmal warf Abraham auf den Rat des ihn begleitenden Engels Gabriel der Iblis sieben Steine an den Kopf, worauf sich die Schlange zurückzog.

(Anmerkung:  Von einer solchen Legende weiß die hebräische Bibel nichts.)

Nach einstündigem Ritt kamen sie dicht vor dem Dorfe El Menaa in eine sehr enge Schlucht, wo es bald ein außerordentliches Gedränge geben sollte. Die ganze Karawane stockte plötzlich an diesem Punkte, denn hier hatte es dem Fürsten der Finsternis gefallen, dem Abraham zu erscheinen, und hier bei einer Denksäule muß der Teufel zum erstenmal gesteinigt werden. Alle Pilger drängten sich auf einmal hinzu, um der gottverfluchten Iblis die ersten sieben Steine an den Kopf zu werfen. Da aber um die Säule herum nur für einige Hundert Platz war und einige Tausend sich hinzudrängten, so war nun das entsetzlichste Durcheinander die unausbleibliche Folge. Viele Pilger wurden auf den Boden geworfen und niedergetreten; andere stürzten mit ihren Kamelen, Eseln, Pferden; einige Sänften fielen, das Oberste zu unterst – es war ein wahrhaft verwirrendes Geschrei, Gestöhne, Geschluchze; aber selbst in diesem Tumult siegte der religiöse Ruf Labik, der sich über all dem Jammer deutlich vernehmbar machte. Daneben aber konnte man viele andere unheilige Laute hören. Hier schrie ein stämmiger Kerl aus Syrien, indem er sich rechts und links mit Faustschlägen den Weg bahnte: »Platz da, du Hund, Sohn eines Hundes; weg mit dir. Auswurf der Hölle« und so weiter in noch viel schlimmern Ausdrücken. Daneben regnete es rechts und links Faustschläge. Einige fromme Hadschadsch hatten sich bei der Kehle gepackt. Andere warfen sich gegenseitig die Steine an den Kopf, welche eigentlich für den Satan bestimmt waren. Kurz, der Fürst der Finsternis, der natürlich an Zwietracht, Haß und Streit die größte Freude haben muß, feierte hier, gerade an dem Orte, wo er gesteinigt wurde, die allerschönsten Triumphe. Wie Maltzan nicht selbst mit zerbläutem Körper und zerbrochenen Gliedern aus diesem Gewühl hervorging, das war ihm noch später ein Rätsel. Nach halbstündigem Hin- und Herdrängen, Hin- und Herstoßen und Gestoßenwerden, gelangte Maltzan endlich einige hundert Schritte vor die erste Satanssäule, einen von unförmigen Steinen errichteten Pfeiler, werfen konnte er aber von hier aus natürlich nicht. Doch der Pilgerknäuel schob ihn, ohne daß Maltzan daran etwas tun konnte, vorwärts, bald schob ihn ein Rippenstoß von rechts ein paar Schritte weiter, bald einer von links. Als er ungefähr zwanzig Fuß von ihm entfernt war, warf er, nach Ssadaks Anweisung, seine ersten sieben Steine, einen nach dem andern, auf den Pfeiler, wobei er folgende Worte nachsprechen mußte: »Im Namen des allgewaltigen Gottes! Ich vollbringe diese Handlung, weil ich den Teufel hasse. Möge ewige Schmach und Strafe sein Lohn sein!« – Einige Pilger fügten diesen Worten noch andere hinzu, zum Beispiel folgende: »Mögen diese Steine dem Teufel das Gesicht zerschlagen und ihm den Rücken brechen!« So wird schon seit zwölfhundert Jahren alljährlich dem Satan das Gesicht zerschlagen und der Rücken gebrochen, aber er befindet sich dabei ebenso wohl als vorher und hat gerade unter den frommen Hadschadsch seine eifrigsten Anhänger.

(Anmerkungen:

Erläuterungen aus http://hadsch.dwih.info/die-steinigung-der-jamarat :

„Die Steinigung der Jamarat

In Mina sammelt er Steine mit denen er beabsichtigt, den Jamrat-ul-’Aqabah zu steinigen, welches der letzte der Jamrat und der, der Mekka am nächsten gelegen, ist.

Er wendet sich dem Pfeiler (Jamrat) zu, mit Mekka auf seiner linken und Mina auf seiner rechten Seite.

Nun vollzieht er die Steinigung mit sieben kleinen Steinen, die den Steinen von Chadhaf ähneln, die ein wenig länger als Kichererbsen sind.

Bei jedem Steinwurf spricht er den Takbir.

Er hört beim letzten Steinwurf damit auf und spricht die Talbiyah.

Der Pilger vollzieht diese Steinigung nicht vor Sonnenaufgang. Dies trifft ebenso auf die Frauen und Schwachen zu, denen es erlaubt war Muzdalifah nach der Hälfte der Nacht zu verlassen, denn hierbei handelt es sich zum zwei völlig verschiedene Handlungen.“

Hinweise:  Einige Massenpaniken bei der Teufelssteinigung:

http://www.spiegel.de/panorama/katastrophe-in-mekka-mehr-als-300-tote-bei-massenpanik-a-394889.html

12.01.2006

„Bei einer Massenpanik während der islamischen Wallfahrt Hadsch sind bei Mekka mindestens 345 Menschen ums Leben gekommen. Die Pilger, die an einer symbolischen Steinigung des Teufels teilnehmen wollten, starben bei einem Gedränge auf einer Brücke.“

http://www.zeit.de/2010/31/DOS-Panikforscher

28.Juni 2010

„Die Schlagzeile kam so regelmäßig wie die Pilgerfahrt selbst: Massenpanik in Mekka. Mal starben 270, mal 251, einmal sogar mehr als 1400 Pilger. Drei Millionen Muslime versammeln sich jedes Jahr am selben Ort. Doch seit einigen Jahren bleibt die jährliche Katastrophenmeldung aus Saudi-Arabien aus. Die Saudis haben das Ritual radikal umorganisiert – mit deutschen Verkehrsplanern und dem Panikforscher Dirk Helbing, der heute an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich arbeitet. Früher war Mekka für Wissenschaftler wie Helbing ein Albtraum, er nennt sie »das größte Fußgängerproblem der Welt«. Heute ist Mekka der Maßstab.“

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/katastrophenforschung-nur-keine-panik-a-512295.html

„Mehr als 1400 Tote im Jahr 1990, 270 Tote 1994, 118 Tote 1998, 251 Tote 2004. Erdrückt, totgetrampelt, erstickt. Anders Johansson kannte Mekka, so wie jeder angehende Panikforscher Mekka kennenlernt: in Opferzahlen.

Am 12. Januar 2006 erlebt Johansson mit, was hinter der Statistik steckt. Auf Einladung des Bauministeriums von Saudi-Arabien ist er nach Mekka gereist. Johansson soll die Pilgerströme erforschen, es ist das Thema seiner Doktorarbeit an der Technischen Universität Dresden. Als die Sonne sich dem Zenit nähert, sieht er auf einem Monitor ein Meer aus hellen Punkten: Pilger in weißen Gewändern, unterwegs zu drei Säulen im Tal von Mina, einige Kilometer außerhalb von Mekka. Die Säulen symbolisieren den Teufel, der nun gesteinigt wird. Hier soll Abraham den Teufel einst mit Steinwürfen in die Flucht geschlagen haben, so steht es im Koran. Heute ist das Areal videoüberwacht. …

Die Teufelssteinigung von 2006 ging mit 364 Toten in die Statistik ein.“

)

Gleich bei dem ersten Teufelspfeiler beginnt schon das Dorf El Menaa, welches in der engen Talschlucht gelegen ist. Dieses Dorf mag etwa hundert Steinhäuser zählen, aber an diesem Tage wird es durch die vielen Kaffeebuden und Kaufläden beinahe zu einer Stadt. Der Großscherif, seine Söhne, der Kadi von Mekka und einige der reicheren Leute der heiligen Stadt haben ihre Häuser in Menaa, in welchen sie während dieser Tage wohnen. Die andern Pilger suchen ihre Unterkunft in den vielen Kaffeebuden und Barbierstuben, an welchen letzteren hier großer Überfluß ist, da die meisten Pilger sich nach dem Steinewerfen rasieren lassen, um dann das Pilgerkleid für immer mit Feierlichkeit abzulegen.

Auch bei der zweiten Teufelssäule, die mitten im Dorfe gelegen ist, war der Andrang ungeheuer, und Maltzan mußte sich begnügen, seine Steine von ferne auf das Haupt der Iblis zu schleudern. Ob sie an ihre Adresse gelangten, das konnte er wegen des dichten Schwarms, der den Pfeiler umlagerte, nicht sehen. Am Ende des Dorfes fanden sie eine große Anzahl von hölzernen Barbierstuben und Barbierzelten, welche bereits von einem ungeheuren Heer von Pilgern angefüllt waren, die daselbst die feierliche Ablegung des Ihram vornahmen.

Diesen Barbierstuben gegenüber liegt der dritte Teufelspfeiler, der ebenfalls von einem dichten Pilgerschwarm umlagert wurde. Hier warf er seine letzten sieben Steine, verfluchte den Teufel noch einmal und dann – war er mit der ganzen Pilgerfahrt fertig. Er fühlte sich wahrhaft erlöst, nun da die letzte dieser langweiligen religiösen Pflichten hinter ihm lag. Jetzt konnte er das abscheuliche Pilgergewand ablegen! Es war ihm, als wäre ihm plötzlich eine große Last von der Brust genommen.

Maltzan entschloß sich mögllichst schnell nach Mekka zu gehen, um sich zu waschen und die normalen Kleider wieder anzuziehen.  Seinem Metuaf kam es etwa seltsam vor, so schnell Menaa zu verlassen ohne noch weitere Steine verschossen zu haben, willigte aber ein mit den folgenden Worten:  »O mein Bruder«, sagte er, »es ist zwar ungewöhnlich, aber doch nicht sündhaft, was du tun willst. Zwar wäre es wünschenswert, wenn du den Teufel noch einmal steinigtest, aber bei deiner großen Frömmigkeit wird vielleicht das eine Mal genügen. Übrigens tätest du wohl, einen Hammel zu schlachten, oder besser zwei, einen weil heute das Opferfest ist und den andern als Sühnopfer für dein kurzes Verbleiben in Menaa. Etba Kebsch! Etba Kebsch! (Opfere die Hammel! Opfere die Hammel!)«

Malrzan gelobte natürlich, die Hammel zu opfern, worüber Ssadak in die freudigen Worte ausbrach: »O Maghrebi! Du mußt fürwahr ein Königssohn sein, um so viel Geld für Opfer ausgeben zu können!«

Ehe sie jedoch abzogen, sollten sie noch der Opferung der heiligen Hammel beiwohnen, welche jährlich an diesem Tage im Tal Menaa unter großer Feierlichkeit vollzogen wird, wie überhaupt jeder Moslem, der nur irgendwie die Mittel dazu hat, an diesem Tage einen Hammel schlachten muß.

Da Maltzan gelobt hatte, zwei Hammel zu opfern, so mußten die Tiere jetzt natürlich gleich angeschafft werden. Etwa fünftausend Hammel hatte man auf freiem Felde unweit Menaa aufgestellt, für welche die Eigentümer die lächerlichsten Preise verlangten. Sonst kostete ein Hammel in Mekka einen Rial, jetzt aber verlangte man vier bis fünf Rial, ja noch mehr; Ssadak gelang es jedoch, zwei Tiere für acht Rials zusammen für Maltzan einzukaufen.

Bald darauf begann auch die große Opferung. Einige zehntausend Pilger, von denen jedoch nur etwa der dritte Teil Hammel vor sich hatte, standen auf einem freien, unebenen, steinigen Felde unweit Menaa. Der Kadi von Mekka, der an der Spitze dieser Pilgerscharen stand, hatte gleichfalls einen Hammel vor sich, der über und über bunt bemalt war. Nach einem kurzen Gebet gab dieser Würdenträger das Zeichen zum Schlachten, indem er seinem Hammel den Kopf in der Richtung nach Mekka drehte und ihm dann die Kehle mit einem krummen Messer durchschnitt. Und nun sanken auf einmal dreitausend Opfer auf den Boden, der sich in ein wahres Blutmeer verwandelte, ein Anblick, der Maltzan so anekelte, daß er schnell mit Ssadak abzog, während sie dem Sohne auftrugen, die beiden soeben geschlachteten Hammel zu waschen und abends nach Mekka zu bringen, wo sie in Hamdans Hause feierlich verzehrt werden sollten. – Diese Opferung findet nach der Aussage der Gelehrten des Islam zum Andenken an das Opfer Abrahams, der seinen eigenen Sohn zu schlachten gelobt hatte, statt. So hatte Maltzan nun die Qualen und Freuden der Wallfahrt nach Arafa hinter sich, kehrte nach Mekka zurück, legte dort unter Gebeten den Ihram ab und seine Kleider an und ließ sich von einem frommen Barbier rasieren, der bei dieser Handlung in einem fort Lobsprüche murmelte.

(Tatsächlich besagt die hebräische Bibel, dass Abraham so gehorsam gewesen war, dass er sogar seinen einzigen Sohn Isaak für Gott zu opfern bereit war, dieser ihm einen Engel schickte mit einem Widder an der Opferung des Isaak statt (1. Mose 22, 11 ff.:  Diesen außerordentllichen Segen, den die Juden für sich behaupten, reklamieren die Moslems für  ihren Vorfahren Ismael, der allerdings von Abraham wegen der Eifersucht seiner Frau aus dem Hause vertrieben wurde.

http://www.bibel-online.net/buch/luther_1912/1_mose/22/

„11 Da rief ihm der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. 12 Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tue ihm nichts; denn nun weiß ich, daß du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen. (Jeremia 7.31) (Römer 8.32)

13 Da hob Abraham sein Augen auf und sah einen Widder hinter sich in der Hecke mit seinen Hörnern hangen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes Statt. 14 Und Abraham hieß die Stätte: Der HERR sieht. Daher man noch heutigestages sagt: Auf dem Berge, da der HERR sieht.

15 Und der Engel des HERRN rief Abraham abermals vom Himmel 16 und sprach: Ich habe bei mir selbst geschworen, spricht der HERR, weil du solches getan hast und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont, (Hebräer 6.13) 17 daß ich deinen Samen segnen und mehren will wie die Sterne am Himmel und wie den Sand am Ufer des Meeres; und dein Same soll besitzen die Tore seiner Feinde; (1. Mose 13.16) (1. Mose 15.5) (1. Mose 24.60) (Hebräer 11.12) 18 und durch deinen Samen sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden, darum daß du meiner Stimme gehorcht hast. (1. Mose 12.3) (Galater 3.16)“

Es handelt sich also um eine schwierige Gemengelage der beiden semitischen Völker.

9. Die Flucht

Nachdem Maltzan nach Mekka zurückgekommen war, suchte er zuerst das große Bad auf, um sich zu waschen und auch von den dortigen Badeknechten gründlich massieren und kneten zu lassen.  Der ältere Ssadak, sein Metuaf, sollte vor dem Bad auf seine Kleider aufpassen.

Als Maltzan aus dem Bad kam, sah er zu seinem größten Entsetzen, dass sein Metuaf sich mit fünf Männern im reinsten algerischen Dialekt unterhielt.  Ssadak hatte diesen erzählt, sein Kunde sei ein Prinz von Algier, was diese sehr neugierig machten.  Einer der Algerer sprach ihn sehr zudringlich an, weil der alte Pascha von Algier keinen Sohn gehabt hatte.  Maltzan antwortete nur mit „ja“ und „nein“, um sich nicht durch seine schlechte Sprache zu verraten.  Daraufhin besprachen sich die Algerer, ob er wohl ein französischer Spion oder sogar ein Rumi (Christ) sei.  „Man kann sich denken, dass mir bei diesen Worten die Haare zu Berge standen.  Das entsetzliche Wort Rumi war ausgesprochen.  Ich fühlte mich schon ergriffen, gebunden, vor den Kadi geschleppt und gerichtet.  (Hinweis:  wie der heilige Hammel!)  Das wäre auch ohne Zweifel mein Schicksal gewesen, wenn es bei den Moslems nicht üblich wäre, alles mit der größten Ruhe zu betreiben; denn eben traten die Badeknechte ein, und die Algerer waren doch gekommen, ein Bad zu nehmen;  so verschoben sie denn die Anzeige und ließen sich vorerst in den Dampfsaal führen.  Kaum waren sie hinter der Tür verschwunden, als ich aufsprang, mich im Nu ankleidete und den erstaunten Ssadak aus dem Badehaus mitfortriß.  Draußen schickte ich unter einem Vorwand Ssadak davon, eilte in meine Wohnung zurück, nahm nichts als einen Anzug und Mantel und ging eilends in die Vorstadt der Beduinen, wo es mir ohne Mühe gelang, einen Esel nach Dschedda zu mieten.  Ich sagte also der „Hauptstadt der Welt“, der „Gepriesenen“, der „Glückseligen“, dem „Schatten Gottes auf Erden“, Lebewohl und trabte in Begleitung eines Beduinen schnurstracks und ohne Aufenthalt davon, eine wahre Hedschra ähnlich der des Propheten des Islam.  Leider mußte ich nun auch die beabsichtigtge Reise nach Medina aufgeben.“

Maltzan ritt ununterbrochen vierzehn Stunden und kam am elften Du el Hödscha um 3 Uhr morgens in der Hafenstadt Dschedda an.  „Hier war alles wie in Mekka in Festesjubel, die Reichen glänzten in ihren Feiertagskleidern, die Kaffehäuser waren gestopft voll, hier und da ertönte Musik, Tänzerinnen durchzogen singend und hüpfend einzelne Straßen, kurz, ganz Dschedda war in der schönsten Feier begriffen.“

„Ich hatte nur einen Gedanken, Dschedda so bald wie möglich zu verlassen.  Deswegen ging ich gleich nach dem Hafen und fand zu meiner unbeschreiblichen Freude auch richtig eine kleine englische Brigg „Mary Ann“ aus Glasgow, welche nach drei oder vier Tagen nach Ostindien gehen sollte.  Der Kapitän war nicht wenig erstaunt, einen vermeintlichen Araber geläufig Englisch reden zu hören.“  (Hinweis:  Die Mutter Maltzans war Engländerin!)

So fuhr Maltzan nach Bombay, heute Mumbai.

„Von Bombay, nachdem ich mich mit Hilfe eines englischen Schneiders und Barbiers wieder in einen Europäer verwandelt hatte, schrieb ich an meinen Doppelgänger in Algerien und schickte ihm seinen Paß, der ihm von nun an den frommen Titel eines Hadsch sichern sollte.“

Nachdem dieser „alte Kifraucher“ verstorben war, veröffentlichte Maltzan 1865 seine „Wallfahrt nach Mekka“.

Was aus seinem Negersklaven Ali geworden ist, wird von Maltzan nicht erwähnt.